Stadt will jüdisches Mahnmal verlegen

Die jüdische Gedenktafel steht am Eingang des Sportparks an der Hauptstraße in Wanne. Die Stadt will das Mahnmal an den historischen Ort der Synagoge verlegen.
Die jüdische Gedenktafel steht am Eingang des Sportparks an der Hauptstraße in Wanne. Die Stadt will das Mahnmal an den historischen Ort der Synagoge verlegen.
Foto: MARTIN KERSTAN FOTOGRAFIE / WAZ
1976 hat die Stadt zur Erinnerung an die 1938 niedergebrannte Synagoge an der Langekampstraße ein Mahnmal an der Haupstraße eingeweiht. Nun soll die Gedenktafel an den historischen Ort verlegt werden.

Wanne-Eickel.  In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten Nazis die Synagoge Lange-kampstraße in Wanne-Eickel nieder. 1976 stellte die Stadt zur Erinnerung an das jüdische Gotteshaus einen Gedenkstein mit Tafel auf. Allerdings nicht am historischen Ort, sondern an der Hauptstraße in Höhe des Sportparks. Eine Errichtung des Mahnmals an der Langekampstraße war zuvor am Widerstand des Unternehmers Heinrich Heitkamp gescheitert, der das Grundstück 1951 vom Jewish Trust erworben hatte. Die Stadt hat nun die Initiative ergriffen und arbeitet an der Verlegung der Gedenktafel an die Langekampstraße.

Anfrage der Grünen im Bezirk

Das erfuhr die Bezirksvertretung Eickel auf Anfrage der Grünen, die Kritik am Standort übten. „Bereits im vergangenen Jahr hatte der Historiker Ralf Piorr von Herrn Oberbürgermeister Schiereck den Auftrag erhalten, zu den ehemaligen Synagogen in Herne und Wanne-Eickel zu recherchieren“, berichtet die Verwaltung. Anlass sei der 2013 anstehende 75. Jahrestag der Niederbrennung der Synagogen in Herne und Wanne-Eickel. Und: „Generell sei es sinnvoll und stets zielführend, eine Gedenktafel am historischen Ort anzubringen.“ Ins Detail will die Stadt noch nicht gehen, weil Piorrs Recherchen nicht abgeschlossen seien.

Der Historiker und Publizist, zurzeit befristet bei der Stadt angestellt, hat zu diesem Thema vor über zehn Jahren schon einmal umfassende Untersuchungen angestellt. Piorrs Ergebnisse sind in dem 2002 veröffentlichten Buch „Nahtstellen, fühlbar, hier ...: Zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel“ nachzulesen.

Piorr dokumentierte darin unter anderem, dass es bereits 1971 den ersten Vorstoß zur Errichtung einer Gedenkplatte gegeben hatte, und zwar durch den in Jerusalem lebenden Julius Leeser. Der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Wanne-Eickels, der 1938 vor den Nazis geflohen war, bat 1971 die Stadt Wanne-Eickel, am Standort der abgebrannten Synagoge eine Erinnerungstafel mit Namen ermordeter Juden anzubringen.

Nach bürokratischen Verzögerungen durch Stadt und Politik (siehe auch Bericht unten) wurde die Bitte zurückgewiesen: „Nach dem mit Herrn Heitkamp geführten Gespräch erwies sich die Errichtung eines Ehrenmals auf seinem Grundstück als nicht durchführbar“, hieß es in einer Notiz der Verwaltung.

In „Nahtstellen“ ist auch nachzulesen, dass Leeser davon abrückte, die Tafel an dieser Stelle zu errichten – unter anderem mit diesem Argument: „... Ich bin ganz entschieden dagegen, früher bekannte Nazis um etwas zu bitten.“ 1976 kam es dann doch zur Errichtung des Mahnmals – im Sportpark, rund 700 Meter vom historischen Ort entfernt.

Verwaltung wartet auf Ergebnisse

Zurück zur Initiative der Grünen: Auf die Frage, ob eine Aufstellung der Gedenktafel am historischen Ort Langekampstraße denn nun möglich sei, antwortet die Stadt: „Es müssen zunächst weitere Recherchen, sowohl zu den ehemaligen als auch zu den jetzigen Besitzverhältnissen des Grundstücks Langekampstraße 48, abgewartet werden. Die Erlaubnis des Grundstücksbesitzers wird benötigt.“

Ralf Piorr sei vom Oberbürgermeister mit entsprechenden Untersuchungen beauftragt worden, so die Stadt. Erst nach Vorlage von Ergebnissen werde Horst Schiereck die Bezirksvertretung über das weitere Vorgehen informieren.

Das Wanne-Eickeler Trauerspiel

Am 12. Mai 1971 ging im OB-Büro von Wanne Eickel ein Brief von Julius Leeser ein, in dem der frühere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde um eine Gedenktafel bat. Erst am 19. September 1976 kam die Stadt Herne diesem Anliegen nach. Was dazwischen geschah, brachte der Historiker Ralf Piorr in seinem Buch so auf den Punkt: „Nach über fünf Jahren Verhandlungen, nach ignoranten bürokratischen und politischen Verzögerungen fand das Wanne-Eickeler Trauerspiel um die ,jüdische Gedächtnistafel’ ein Ende.“ Viele Mahnungen Leesers waren zunächst wirkungslos geblieben. Ein negativer Höhepunkt war der Vorschlag von Wanne-Eickels Oberstadtdirektor a.D., das Ehrenmal an der Schaeferstraße um einen Hinweis auf die Wanne-Eickeler Synagoge zu erweitern.

Dass es nach Vollzug der Stadtehe relativ schnell ging, könnte nach Einschätzung Piorrs auch daran gelegen haben, dass Oberbürgermeister Robert Brauner als Sozialdemokrat selbst zu den Verfolgten des NS-Regimes gezählt hatte.

 
 

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