Recklinghausen

Sprachlose Stimmen aus dem Äther

Recklinghausen.  „Die dunklen Schlieren des Todes und eine Liebesgeschichte gehören in jedes Stück“, behauptet eine der drei Frauen des Ensembles in Laura de Wecks neuem Stück. Dessen Titel „Archiv des Unvollständigen“ wirkt so spröde wie das Thema, das in der Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Oldenburgischen Staatstheater breitgetreten wird.

Sprache tauge nicht mehr zur Kommunikation, lautet die gewagte These der Autorin. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dies die Tochter eines der besten Schweizer Publizisten behauptet.

Gefühlte Stunden verstreichen in der 100 Minuten währenden zähen Inszenierung ihres Landsmannes Thom Luz in der alten Zechenhalle König Ludwig. Es gibt keine Handlung und folglich keine Rollen. Wir erleben fünf Akteure, die schräg musizieren, in sechs provisorisch zusammengezimmerten Tonstudios.

Auch die Spielfläche davor ist ein Aufnahmestudio mit herabhängenden Mikrofonen. Wie in einem Hörspiel tragen die Archivare vermeintliche Beweise für das Unvollständige der Sprache zusammen. Und abstruse Sätze, die prompt Gelächter provozieren. „Dass ich jetzt schon sterben soll, erstaunt mich“.

Einen Anflug von Witz gewinnt die zelebrierte Sprachlosigkeit, als die Stimmen aus dem Äther ein Wunschkonzert imitieren. Dass sich Paare nach vielen Jahren „blind verstehen“ taugt wenig als Beleg für die These des sprachlichen Sinnverlustes. Die These sprachlichen Unvermögens fällt in dieser szenischen Verweigerung auf die Autorin zurück. Die Liebesgeschichte bleibt sie dem höflich applaudierenden Publikum der Uraufführung schuldig.

Die Schlieren des Todes fängt die Inszenierung in einem stummen Bild ein, in dem sich szenische Fetzen wie in einem Puzzle zusammenfügen. Vier Akteure trauern um den dahingerafften Fünften. Der erhebt sich nach langer Stille. War halt alles nur Behauptung.

 
 

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