Radio Herne steht vor ungewisser Zukunft

Auch die Einstellung des Sendebtriebs zum Jahresende ist für  Radio Herne  nicht mehr auszuschließen.
Auch die Einstellung des Sendebtriebs zum Jahresende ist für Radio Herne nicht mehr auszuschließen.
Foto: WAZ FotoPool
Radio Herne steht vor schwierigen Zeiten: Wegen der roten Zahlen fordert die Funke Mediengruppe als Mehrheitsgesellschafterin strukturelle Veränderungen. Ohne ein tragfähiges Konzept will die Gruppe Ende 2013 aussteigen, was zum Aus von Radio Herne führen könnte.

Herne.  Die Zukunft von Radio Herne ist ungewiss: Wegen der roten Zahlen will die Betriebsgesellschaft den Vertrag mit der für die Inhalte zuständigen Veranstaltergemeinschaft zum Jahresende kündigen, wenn bis dahin kein „gesundes wirtschaftliches Fundament“ für den lokalen Radiosender gefunden wird.

Das erklärt Gunther Fessen, Sprecher der Funke Mediengruppe (früher: WAZ-Mediengruppe). Die Betriebsgesellschaft von Radio Herne ist bei der in Essen ansässigen Mediengruppe angesiedelt; die Stadt Herne ist Minderheitsgesellschafterin. „Fakt ist, dass der Sender seit der Gründung 1990 bis zum heutigen Tag nur negative Ergebnisse erwirtschaftet hat“, so Fessen. Der jährliche Verlust liege bei rund 200 000 Euro. Warum die Finanzlage schlechter ist als anderswo, zumindest darüber sind sich Betriebsgesellschaft und Veranstaltergemeinschaft einig: Die Wirtschaftskraft in dem begrenzten Herner Sendegebiet sei sehr gering, es gebe kaum Werbekunden.

Suche nach einem neuen Betreiber?

„Die Funke Mediengruppe wird vor dem Hintergrund anderer Stellenkürzungen in der Gruppe den defizitären Lokalsender nicht weiter betreiben. Das ist nicht zu rechtfertigen“, so Fessen. Zuletzt hatte die Gruppe die komplette Redaktion der Westfälischen Rundschau geschlossen und dabei rund 120 Stellen abgebaut.

Strukturelle Veränderungen seien bei Radio Herne nötig, so die Forderung. In eine neue Betreibergesellschaft mit tragfähigem Konzept würde die Funke Mediengruppe „selbstverständlich“ wieder einsteigen. Eine denkbare Lösung wäre aus Sicht der Mediengruppe eine Zusammenlegung mit Radio Bochum. Die Landesmedienanstalt sei hier gefordert, eine Fusion mit Bochum formal möglich zu machen. Ein gutes Beispiel für eine solche Zusammenlegung sei das Sendegebiet Mülheim/Oberhausen, erklärt Fessen.

Für Ulrich Kohlloeffel, Vorsitzender der Veranstaltergemeinschaft, käme eine solche Lösung nicht in Frage. „Da würden wir als kleiner Partner komplett untergehen“, sagt Kohlloeffel zur WAZ Herne. Aus seiner Sicht sollte es so weiterlaufen wie bisher. Und es sei ja auch bereits etwas passiert: In einigen Bereichen sei es gelungen, Defizite zu senken.

Die Funke Mediengruppe fahre aus ihrer Beteiligung an lokalen Radiosendern in NRW unterm Strich „dicke Gewinne“ ein. „Bricht man Radio Herne heraus, kommt das ganze System ins Wanken“, erklärt Kohlloeffel. Deshalb könne das Land keine Ausnahmeregelung für Herne zulassen.

Und wenn Funke trotzdem aussteigen sollte? Dann öffne sich der Markt, meint Ulrich Kohlloeffel. Heißt: Die Veranstaltergemeinschaft könne und werde sich dann bundesweit auf die Suche nach einer neuen Betriebsgesellschaft machen. Trotz der hohen Defizite wäre man hier nicht chancenlos, weil Interessenten Herne „als Sprungbrett“ nutzen könnten, glaubt Kohlloeffel. Sollte dies nicht gelingen, müsste Radio Herne zum Jahresende den Sendebetrieb komplett einstellen.

Wolfgang Tatzel wechselt nach Recklinghausen

Nicht nur die finanzielle Situation treibt Radio Herne um: Chefredakteur Wolfgang Tatzel wechselt in Kürze zum Nachbarsender Radio Vest. Das bestätigte Ulrich Kohlloeffel auf Anfrage. Zum 1. Juli wird Tatzel, beim Herner Lokalsender ein Mann der ersten Stunde, die Redaktionsleitung von Radio Vest übernehmen. Die Stelle werde wegen der aktuellen Hängepartie - siehe oben - zunächst nicht neu ausgeschrieben, erklärt Ulrich Kohlloeffel. Zum aktuellen Team von Radio Herne zählen zurzeit neben Tatzel drei Redakteure, eine Sekretärin, ein Volontär und freie Mitarbeiter.

In die Diskussion um Radio Herne hat sich auch die Politik eingeschaltet. „Es muss schnell Klarheit geschaffen werden – auch im Sinne der Mitarbeiter“, fordert Dorothea Schulte, Chefin der Grünen-Ratsfraktion. Radio Herne müsse mit einer eigenständigen Redaktion erhalten bleiben, fordert die Politikern.

Das Lokalradio habe sich seit seiner Gründung schnell zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Berichterstattung gemacht. Gerade das Herner Lokalradio weise beständig eine überdurchschnittliche Hörerfrequenz auf. Es müssten „alle denkbaren Maßnahmen“ geprüft werden, um den Bestand des Lokalradios zu sichern. Sie könne sich unter Umständen auch vorstellen, dass für Radio Herne und für Radio Bochum ein gemeinsamer Chefredakteur installliert wird. Voraussetzung sei allerdings, dass die Herner Redaktion eigenständig und vor Ort bleibe. Wie Ulrich Kohlloeffel wirft Dorothea Schulte der Funke-Gruppe fehlende Transparenz vor. Gruppen-Sprecher Gunther Fessen sieht dies anders: Alle Fakten und Zahlen seien offen gelegt worden, betont er.

Für den Erhalt einer eigenständigen Redaktion von Radio Herne spricht sich auch der SPD-Landtagsabgeordnete Alexander Vogt aus. „Der Sender ist unverzichtbar fürs gesellschaftliche Leben und die Medienvielfalt in Herne“, sagt der medienpolitische Sprecher der Landtagsfraktion. Er sei überzeugt davon, so seine Prognose, dass dies auch so bleiben und Radio Herne weiterhin mit hoher Qualität berichten wird.

Hart ins Gericht mit der Funke Mediengruppe geht die Journalisten-Gewerkschaft DJV. Der DJV-Landesverband warnt die Funke Mediengruppe davor, „sich aus der Verantwortung für Radio Herne zu ziehen“. Anscheinend schlage „die WAZ-Axt“ nun auch im Lokalfunk zu, so die Gewerkschaft in Anspielung auf den drastischen Stellenabbau im Printbereich der Mediengruppe. „Wieder wird mit fortlaufenden hohen Verlusten argumentiert, wieder ist für Außenstehende nicht erkennbar, wie der Konzern rechnet“, kritisiert Frank Stach, Vorsitzender des Landesverbands.

Treuhandlösung aufgehoben

Die Funke Mediengruppe weist darauf hin, dass sie in den Jahren 2004 bis 2011 auch die angefalllenen Verluste für die Mitgesellschafterin Stadt Herne übernommen habe. Hintergrund: Die ursprünglich mit 25 Prozent an Radio Herne beteiligte Stadt bzw. ihre Tochter VVH hat wegen der hohen Defizite im Jahr 2004 beschlossen, die Verlustübernahme durch ein Treuhandverfahren zu ersetzen. Heißt: Die Mediengruppe hat die Verluste der Stadt mitgetragen, im Gegenzug trat Herne Anteile ab. Momentan entspreche die Einlage der Stadt rechnerisch neun Prozent, so die Funke Mediengruppe.

Der Rat der Stadt hat im März auf Vorschlag der Stadt die Treuhandlösung rückgängig gemacht. Voraus gegangen war der Hinweis der Funke-Mediengruppe, dieses Modell wegen der hohen Verluste künftig nicht mehr mittragen zu wollen.

Mit breiter Mehrheit stimmte der Rat schließlich dem Vorschlag der Verwaltung zu, den Verlust von Radio Herne im Jahr 2012 in Höhe von 235 000 Euro durch Eigenmittel in Höhe von rund 58 000 Euro mitzutragen. Gegen diese Verlustübernahme stimmte die Ratsgruppe der Alternativen Liste. Aus Prinzip, wie der AL-Stadtveordnete Ingo Heidinger betont: „Es kann nicht Aufgabe der Stadt sein, die Verluste eines privaten Mediums zu decken.“ Eine Anschubfinanzierung zur Steigerung der Medienvielfalt sei zu begrüßen, eine „subventionierte Dauerlösung“ aber auf keinen Fall.

Start vor 23 Jahren

Im Jahr 1990 ging Radio Herne (90acht) erstmals auf Sendung. Der Sender strahlt zurzeit täglich ein fünfstündiges lokales Programm sowie ab 6.30 Uhr Lokalnachrichten aus. Das Rahmenprogramm stammt vom Anbieter Radio NRW.

Nach dem in NRW praktizierten sogenannten Zwei-Säulen-Modell ist für die redaktionellen Belange die Veranstaltergemeinschaft (ein eingetragener Verein) zuständig, für die finanziellen Belange zeichnet die Betriebsgesellschaft verantwortlich.

www.waz.de/herne

 
 

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