Pflege von Migranten birgt kulturspezifische Besonderheiten

Von Ute Eickenbusch
Foto: Knut Vahlensieck - Integration von Migranten. Türkischer Pflegedienst Emin-El aus der Dortmunder Nordstadt. Foto zeigt: Pflegerin Gülperi Simsek bei der Arbeit in der Familie Özcelik..
Foto: Knut Vahlensieck - Integration von Migranten. Türkischer Pflegedienst Emin-El aus der Dortmunder Nordstadt. Foto zeigt: Pflegerin Gülperi Simsek bei der Arbeit in der Familie Özcelik..
Foto: Knut Vahlensieck
Bei der Pflege von älteren Menschen gibt es einiges zu beachten. Wenn diese aus einem anderen Kulturkreis stammen, wird die Pflege durch kulturelle Unterscheide noch erschwert. Integrationsrat und ASB Herne informierten sich jetzt über ein vielversprechendes Konzept.

Herne. Als Nare Yesilyurt 1999 in Berlin Deta-Med gründete, hatte sie keinen Zweifel daran, einem Riesenbedarf zu begegnen. Sie wollte der Generation ihrer Eltern, die eingewandert waren, im Alter eine Pflege zukommen lassen, die deren Vorstellungen entsprach. Und doch musste die Jungunternehmerin ein Tal der Tränen durchschreiten, bis ihre Geschäftsidee zu dem Erfolgsmodell wurde, von dem sie jetzt in Herne anschaulich erzählte.

Es war schon das zweite Mal, dass der Integrationsrat und der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Nare Yesilyurt trafen. Einem Besuch in Berlin war nun die Einladung nach Herne gefolgt, wo die Zuhörerschaft in der „Zille“ staunend vernahm, wie die gelernte Krankenschwester und diplomierte Pädagogin hartnäckig und von ihrer Vision geleitet alle Steine aus dem Weg geräumt hatte, die hier noch den Zugang zu einer „kulturspezifischen“ Pflege versperren. Der ASB jedenfalls, gestand Geschäftsführer Albert Okoniewski, sei bisher gescheitert beim Versuch, pflegebedürftige Migranten zu erreichen, bleibe aber am Ball.

Viele feine Unterschiede

Es gibt keinen Bedarf, die Familienstrukturen sind intakt“, hatte man auch Nare Yesilyurt entgegnet, als sie Banken und Krankenkassen ihr Konzept vortrug. Sie war vom Gegenteil überzeugt. Und musste doch nach einer Werbekampagne in Zeitungen und mit Flyern feststellen: „Keiner ist gekommen.“ Denn viele konnten die Anzeigen gar nicht lesen. So suchte sie türkische Sender auf und ließ sich interviewen, bis die ersten Kunden gefunden waren - deren Bedürfnisse sie als in Deutschland ausgebildete Krankenschwester gar nicht kannte. Gelernt hatte sie: „Im Bett waschen, anziehen, dann in die Küche. Was die türkischen Patienten wollten war: Aus dem Bett, ins Bad, dort waschen und dann in die Küche.“

Ein feiner Unterschied wie so viele. Muslimische Patienten wünschen sich neben der Körperpflege eine rituelle Waschung. Sie mögen nicht mit Lappen und Schüssel gewaschen, sondern auf der Toilette sitzend abgeduscht werden. Einem Patienten kündigte Nare Yesilyurt, weil er eine Intimrasur verlangte: „Ich empfand das als sexuelle Belästigung.“ Bis sie verstand, dass der Wunsch religiös motiviert war.

Krankheitswahrnehmung ist in jeder Kultur anders

Und so begann die Pflegedienstchefin, die Patienten systematisch zu befragen. Nach Vorlieben beim Waschen und Essen, nach ihrem Leben, Gewohnheiten und Ritualen. Dabei offenbarten sich auch kulturelle Unterschiede in der Krankheitswahrnehmung. „Viele Angehörige wussten nicht, was Demenz ist“, sagt Nare Yesilyurt, „aber sie kannten ,bunak‘“ - mit genau denselben Symptomen. Bisweilen verhindere auch die bildreiche Ausdrucksweise des Türkischen ein Verstehen. „Mein Herz brennt“ etwa weist auf eine tiefe Traurigkeit hin und nicht auf koronare Probleme.

Die Bilanz heute: über 230 Mitarbeiter an sieben Standorten in Berlin, die Hälfte deutscher Herkunft, 31 Auszubildende. Um dem Fachpersonalmangel zu begegnen, lernt Yesilyurt zugewanderte Frauen an, lässt sie Deutschkurse besuchen und bildet sie dann aus. Yesilyurts Credo: „Kulturspezifische Pflege ist individuelle Pflege.“ Und eine solche wird unabhängig von der Herkunft geschätzt.