Musikalisches Gedenken am Shoah-Mahnmal in Herne

Ralf Kaupenjohann und  Markus Emanuel Zaja vor dem Herner Mahnmal.
Ralf Kaupenjohann und Markus Emanuel Zaja vor dem Herner Mahnmal.
Foto: Ralph Bodemer
Der Mülheimer Klarinettist Markus Emanuel Zaja hat in Herne nach Spuren seiner jüdischen Vorfahren gesucht. Musikalisches Projekt mit Ralf Kaupenjohann.

Herne..  Es ist ein ungewöhnliches Bild, das sich da am Montagmittag auf dem unbelebten Platz unter grauem Himmel vor dem Kulturzentrum bietet. Ein Klarinettist und ein Akkordeonspieler haben sich vor die Okulare des eigens für sie enthüllten Shoah-Mahnmals gestellt und sie improvisieren. Ein Stück, zwei Stücke, unbeeindruckt vom Parksuchverkehr nebenan auf dem Sparkassenparkplatz, spielen Markus Emanuel Zaja aus Mülheim und der Essener Ralf Kaupenjohann vor dem Gedenkstein, was aus dem Augenblick heraus entsteht. Gerade eben hat sich Markus Zaja die untere Reihe genau angesehen. Da stehen sie, die Zajacs, Herner Juden und seine Vorfahren, Opfer der Verfolgung.

Musikalisches Gedenken

„Wir machen eine Art musikalisches Gedenken“, erklärt Kaupenjohann einem Passanten, der wissen will, was da geschieht. „Mijn Levensreis“ haben die Musiker das Projekt genannt, das eine familiäre Spurensuche des Klarinettisten Zaja künstlerisch aufgreift. Der Dokumentarfilmer Tom Briele begleitet sie mit der Kamera.

Dem Auftritt voraus ging gestern morgen ein Besuch im Herner Stadtarchiv. Zaja, der erst seit vier Jahren von seinen jüdischen Wurzeln weiß, hatte von der Herner Verwandtschaftslinie erfahren und sich nun persönlich angekündigt, um im Archiv das Material durchzusehen, das ihm Stadtarchivar Jürgen Hagen und der Historiker Ralf Piorr zusammengestellt hatten: Akten, Zeitungen, Adressbücher, Deportationslisten. Zajas Vorfahren - mal mit c geschrieben, mal ohne oder noch ganz anders - haben als „Ostjuden“ aus Polen und Galizien Ende des 19. Jahrhunderts Arbeit im Bergbau gesucht, berichtet der Musiker nach seinen Recherchen. Einige seien dann, wie David Zajac, aufgestiegen - abzulesen an der späteren Adresse Viktor-Reuter-Straße. Er starb. Nur Isaac habe sich nach London retten können, erfuhr er gestern, während seine Frau und sein Sohn 1942 in Riga ermordet wurden.

„Die Mutter meiner Mutter war jüdisch“, erzählt Markus Emanuel Zaja. „Aber es war ein Familiengeheimnis, dass es Verwandte gab, die ermordet wurden.“ Nachdem Zaja spät davon Kenntnis erhalten hatte, forschte er zunächst in digitalen Archiven, reiste aber auch zu realen Orten, etwa nach Wien. Polen, Herne, Kroatien, New York, Wien und Chicago sind Stationen der künstlerisch-biografischen Reise, die allerdings zum größten Teil noch vor dem Duo liegt, dessen Name Kzrme zwar polnisch klingt, sich aber schlicht aus den Anfangsbuchstaben der Nach- und Vornamen zusammensetzt.

Zu erfahren, woher er kommt, ist Zajas Motor: Wer nicht wisse, was vor einem gewesen sei, zitiert er Cicero, „bleibt immer ein Kind“. Deshalb sei auch das Shoah-Mahnmal für ihn ein Weg zu sagen, was gewesen ist, „in würdevoller Weise“. Theoretisch - denn nach vier Anschlägen bleibt das Mahnmal bekanntlich bis zum nächsten Jahr abgesperrt. „Wir sind alle Migranten“, sagt Markus Emanuel Zaja und schlägt damit die Brücke vom Gestern zum Heute. Sein Statement für ein freundliches Miteinander.

Markus Emanuel Zaja (*1964) hat Musikwissenschaften in Göttingen und später Klarinette bei Theo Jörgensmann und Perry Robinson studiert. Er ist Komponist, Improvisator und Dozent.

Ralf Kaupenjohann (* 1958) studierte Akkordeon in Dortmund und spielte u.a. mit Eckard Koltermann. Er ist Theater-, Opern- und Bandmusiker.

 

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