Mit Baumrinde gegerbte Schaffelle made in Herne

Die traditionelle Hängetrocknung ist für die Felle ein sehr schonendes Verfahren, erklärt Junior-Chef Marc Lahnstein.
Die traditionelle Hängetrocknung ist für die Felle ein sehr schonendes Verfahren, erklärt Junior-Chef Marc Lahnstein.
Foto: WAZ FotoPool
Die Gerberei Rembert in Herne ist einer der ganz wenigen Betriebe der Branche, die ausschließlich in Deutschland arbeiten. Das Unternehmen führt noch den Namen des verstorbenen Besitzers, Inhaber ist seit 1994 jedoch die Familie Lahnstein aus dem Westerwald - und sie setzt auf pflanzlich gegerbte Felle.

Herne..  Es gehört schon etwas Spürsinn dazu, die Gerberei Rembert am äußersten Stadtrand von Herne zu finden: Dazu geht es erst über die Horsthauser-/Pöppinghauser Straße raus aus Herne, um dann, nach der lila-pink gestrichenen Brücke über den Rhein-Herne-Kanal, bei nächster Gelegenheit links auf eine von Schlaglöchern übersäte „Straße“ einzubiegen und dann wieder in Herne zu landen - einige hundert Meter weiter rechts liegt das Firmengelände der Gerberei.

Stammbetrieb im Westerwald

Sie trägt noch den Namen ihres 1990 verstorbenen Besitzers, Alfred Rembert, seit 1994 ist sie jedoch im Besitz der Familie Lahnstein. „Wir hatten das eigentlich gar nicht so geplant“, sagt der Seniorchef Dieter Lahnstein, der das uralte Gerberhandwerk von der Pike auf gelernt - und von seinem Vater übernommen hat. Denn die Lahnsteins sind eigentlich im Westerwald ansässig, wo sich auch heute noch in Dornburg-Dorndorf der Stammbetrieb befindet. Dort werden zum Beispiel auch die in Herne gegerbten Felle von Hand verarbeitet - zu Hausschuhen, Muffs, Kissen, Babyschühchen, Handschuhen, Mützen, Bettauflagen und manchem mehr.

„Wir sind einer der ganz wenigen Betriebe der Branche, die ausschließlich in Deutschland arbeiten“, sagt Dieter Lahnstein nicht ohne Stolz. Und so pendeln denn er und seine Frau Christine zwischen Herne und dem Westerwald hin und her. Sohn Marc, der die Familientradition in dritter Generation fortsetzt und nicht nur eine Gerberlehre abgeschlossen, sondern auch Ledertechnik studiert hat, wohnt inzwischen mit seiner Familie in der Nähe des Herner Betriebes.

Spezialisiert auf Schaf- und Lammfelle

Spezialisiert haben sich die Lahnsteins auf die Verarbeitung von Schaf- und Lammfellen. „Es wird immer schwieriger, wirklich gute Felle zu bekommen“, sagt Marc Lahnstein. Zum einen machten sich veränderte klimatische Bedingungen bei der Qualität bemerkbar, zum anderen werde der Markt von einer starken asiatischen Konkurrenz, besonders aus China, „leer gekauft.“ Früher, erzählt Dieter Lahnstein, habe er auch Schaffelle aus Australien gekauft und sie sofort nach der Anlieferung noch im Hamburger Hafen kontrolliert, ob sie seinen Ansprüchen genügen - das mache er heute nicht mehr, sondern beziehe die Felle direkt von Schäfern oder hiesigen Händlern.

Verkauf vor Ort und online

Einen großen Teil der Felle gerben und richten die Lahnsteins für andere Betriebe zu, einen Teil verkaufen sie selbst, direkt in Herne und über einen online-Shop. Auch das Edel-Versandhaus „Manufactum“ bezieht Produkte bei ihnen. Lahnsteins arbeiten aber auch für Privatkunden, Jäger zum Beispiel, die ihnen Felle von Wildtieren bringen. „Wir Gerber sind große Recycler“, sagt Marc Lahnstein, „denn wir machen etwas aus dem, was von den Tieren, die geschlachtet oder in der Natur getötet werden, übrig bleibt.“

Direkt vom Schlachthof

Die Felle werden, mit Salz konserviert, direkt vom Schlachthof geliefert, mit allem Schmutz, den das Schaf zuvor in seiner Wolle durch das Leben im Freien eingesammelt hat, dem Blut der Schlachtung und noch anhaftenden Fleischresten; ein Anblick und Geruch, an den man sich gewöhnen muss. Die Felle werden über Nacht gründlich gewaschen und gewalkt. Sind sie danach abgetropft, werden die Fleischreste, die der Lederseite anhaften, entfernt. Heutzutage übernimmt das eine Maschine; früher war es anstrengende Handarbeit, die die Gerber am Gerberbaum und mit dem Scherdegen, ihrem Zunftzeichen, erledigten. Danach werden die Felle wieder gewaschen und bleiben einige Tage im Salzbad.

Gerben mit Pflanzenstoffen

Für die Gerbung, die die Haut der Felle haltbar macht, setzen die Lahnsteins pflanzliche Stoffe ein. „Wir waren die ersten in Deutschland, die das konsequent gemacht haben“, sagt Dieter Lahnstein. Bei der Pflanzengerbung werde Baumrinde eingesetzt, bei der Weißgerbung Alaun - was dem Leder und dem Fell später seine charakteristische Farben verleiht. Einige Tage muss das Fell trocknen, bevor es noch einmal trocken gewalkt wird.

Auf die Lederseite achten

Und nun geht’s an die Zurichtung - so nennt sich der Arbeitsschritt, bei dem Felle und Leder veredelt werden. Die Fellseite wird 15 bis 20 Mal maschinell gekämmt, dann auf eine Haarlänge gebracht, wieder gekämmt, gebügelt und zum Schluss wird die Lederseite geschliffen, bis sie sich wie samtiger Velours anfühlt. Wer dort nicht aufpasst, kann alles verderben - wenn beim Schleifen ein Loch entsteht.

Ein Fell, das so bearbeitet wurde, hat seinen Preis. Deshalb mochte Marc Lahnstein es nicht glauben, dass auf einem Weihnachtsmarkt einer Nachbarstadt Schaffelle für sechs Euro das Stück angeboten wurden. Er sah sich das an: „Es waren Rohhäute“, sagt er fassungslos. „Ungegerbt!“ Worauf ein Kunde beim Kauf von Schaffellen achten sollte? „Sehen Sie genau die Lederseite an“, sagt Lahnstein. „Und riechen Sie. Ein Fell muss nach Wolle riechen - und sonst nichts.“

 
 

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