Mehr als schmückendes Beiwerk

Aus der Zeit etwa 500 Jahre vor Christus stammen die Bronzehalsreifen, die durch Bernsteinperlen erngäntz werden.Foto: Thomas Schild / WAZ FotoPool
Aus der Zeit etwa 500 Jahre vor Christus stammen die Bronzehalsreifen, die durch Bernsteinperlen erngäntz werden.Foto: Thomas Schild / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool
Ringe und Reifen, die in Westfalen gefunden wurden, zeigt das LWL-Museum für Archäologie ab 13. Juli in einer Studioausstellung. Mit Unterstützung des Museums haben Studenten der Ruhr-Universität Bochum die Ausstellung geplant und gestaltet.

Herne.  „Eine runde Sache“ ist das, was das LWL-Museum für Archäologie ab heute in einer Studioausstellung am Europaplatz zeigt: 25 Ringe von der frühen Bronzezeit bis zum hohen Mittelalter, allesamt gefunden in Westfalen. Wobei es sich größtenteils eher nicht um Ringe nach unserem heutigen Verständnis handelt, sondern um Reifen, mit denen unsere Vorfahren Hals, Hand- und Fußgelenk, Arm, Ohren und Haare schmückten. Fingerringe waren früher seltener.

Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über die Vielfalt des schmückenden Beiwerks, das überwiegend wohlhabende Westfalen einst besaßen: Neben Reifen und Ringen aus Gold finden sich auch Arbeiten aus Silber, Eisen und Bronze, selbst aus Glas, fein gearbeitete Schläfenringe kontrastieren mit massiven bronzenen Fußringen, ein imposanter Zeremonialschmuck aus dem 5. Jahrhundert vor Christus zieht die Blicke ebenso auf sich wie eine filigrane Merkurstatuette aus der Zeit Kaiser Augustus’, behängt mit goldenen und silbernen Reifen. Weil mit Statuette und Reifen auch noch Orakelstäbchen gefunden wurden, könnte der römische Gott des Handels, der Diebe und Reisenden einst auf einem germanischen Hausaltar gestanden haben.

Ein Drittel der gezeigten Exponate ist in Herne zum ersten Mal zu sehen, vieles stammt aus dem eigenen Archiv in Münster. Es sind aber auch einige Leihgaben dabei, wie ein Wendelhalsring aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, der um 1870 in einem Gräberfeld in Hamm gefunden wurde und der auf Umwegen in der Friedrich-Schiller-Universität in Jena landete. Aus Dortmund kommt ein massiver Goldhalsreif, der zu einem Dreier-Ensemble gehört, das gemeinsam mit einem großen Münzschatz 1907 in der Westfalenmetropole gefunden wurde. Obwohl sie vor Mitte des 4. Jahrhunderts angefertigt worden sein müssen, könnten sie auch heute jede Auslage eines Goldschmiedes zieren.

Die „Ring-Ausstellung“ ist das Ergebnis eines semesterübergreifenden Projekts des Instituts für archäologische Wissenschaften der Ruhr-Universität Bochum und geht auf das Vorhaben von Prof. Torsten Capelle zurück, eine Publikation über Ringe aus Westfalen zu verfassen. Im Gespräch mit dem Archäologiemuseum entstand daraus die Idee, das Thema in einer Ausstellung aufzugreifen.

„Für uns war das eine einmalige Gelegenheit, die Theorie in der Praxis auszuprobieren“ sagt Studentin Marina Dessau. Seit April haben 25 Studenten an dem Projekt gearbeitet, haben Konzepte entwickelt, an der Gestaltung getüftelt, Begleittexte verfasst, Videofilme zusammengestellt - immer unterstützt von Mitarbeitern des Museums. „Selbst eine Studioausstellung macht immer eine Menge Arbeit“, sagt Museumsleiter Josef Mühlenbrock. Aber sie hat sich gelohnt, auch Prof. Torsten Capelle ist sehr zufrieden. Was ihn als Wissenschaftler an „Ringen“ reizt? Dass jeder immer wieder mit ihnen konfrontiert wird, sei es auf der Europa-Flagge oder auf der olympischen, dass sie über den schmückenden Aspekt hinaus Symbolwert besitzen, als Zeichen der Verbundenheit, des Status’ und der Würde. Oder der Macht: Bei J.R.R Tolkien hing gleich die Existenz der Mittelerde - an einem einzigen Ring.

 
 

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