Markus Heißler kritisiert Freihandelsabkommen

Markus Heißler im Interview der Woche.
Markus Heißler im Interview der Woche.
Foto: Ralph Bodemer
  • Heißler: „Handel kann auf Dauer nur funktionieren, wenn er auf beide Seite fair ist“
  • Der Einzelne kann laut Heißler durch Kaufentscheidungen „Politik mit dem Einkaufskorb“ machen
  • Er selbst achtet darauf, fair gehandelte Produkte von Einzelhändlern zu kaufen

Herne..  Der Diplom-Politologe Markus Heißler ist regionaler Eine-Welt-Promotor und Leiter der Werkstatt Eine Welt im Herne Eine-Welt-Zentrum, das von der evangelischen Kirche betrieben wird. Anlässlich der Fairen Woche sprachen wir mit dem 53-Jährigen über die Zukunft des Welthandels.

Arbeiten im Eine-Welt-Zentrum, das muss man von Herzen machen. Was verbindet Sie besonders mit diesem Thema, das ja immer wichtiger wird?

Markus Heißler: Meine ersten Berührungspunkte hatte ich in der kirchlichen Jugendarbeit, wo wir die ersten Aktionen mit dem Eine-Welt-Thema gemacht haben, beispielsweise Solidaritätsprodukte verkauft. Später haben wir in der Kirchengemeinde erste Faire Cafés nach dem Gottesdienst organisiert und noch später habe ich Politikwissenschaften studiert. Der Schwerpunkt lag auf Entwicklungspolitik und internationale Beziehungen.

Worüber haben Sie Ihre Diplomarbeit geschrieben?

Über den Welthandel mit Tee. Ein Punkt war damals schon der faire Handel. Danach arbeitete ich am Institut für Entwicklung und Frieden an der Universität Duisburg.

Gab es auch persönliche Berührungspunkte mit Menschen in Ländern, die unter ungerechten Bedingungen arbeiten, mit Kaffeebauern oder Menschen, die in einer Textilfabrik arbeiten?

Diese Begegnungen hatte ich damals noch nicht. Das kam über die Beschäftigung mit dem Thema. Erst später kamen direkte Kontakte mit Menschen aus Entwicklungsländern zustande. Durch Besuche vor Ort bei Partnerorganisationen in Mittelamerika, zum Beispiel auch auf der Partnerinsel von Herne, Ometepe, und ich war im Kongo. Ich war auch in Indien, wo es beispielsweise um Frauenarbeit und die Unterstützung von Basisprojekten zur Selbsthilfe in niederen Kasten ging.

Welches Projekt unterstützen Sie denn direkt in Ometepe?

Wir beraten und unterstützen die Sektion Ometepe des Städtepartnervereins, der Häuser für arme Familien baut und ein Schul- und ein Recyclingprojekt finanziert. Außerdem werden medizinische Projekte unterstützt.

Wir sind jetzt in der Mitte der Fairen Woche in Herne. Können Sie eine Zwischenbilanz ziehen?

Wir machen die Faire Woche hier zum 16. Mal. Wir hatten auf jeden Fall eine supergute Auftaktveranstaltung in der Künstlerzeche Unser Fritz mit einem Eine-Welt-Markt und einem tollen Konzert. Die Veranstaltung war bis auf den letzten Platz voll. Viele Leute mussten stehen.

Es kaufen zwar immer mehr Leute faire Produkte, trotzdem macht das vom Welthandel gerade einmal ein Prozent aus. Was ist denn Ihre Perspektive? Glauben Sie, dass der Welthandel irgendwann hundertprozentig fair werden könnte?

Das wäre meine Vision. Der faire Handel ist immer so ein bisschen der Stachel im Fleisch des globalen Kapitalismus. Der Handel kann auf Dauer nur funktionieren, wenn er für beide Seiten fair ist. Ganz wichtig ist ja, dass die Produzenten harte Arbeit leisten und angemessen dafür bezahlt werden wollen.

Das hört sich nach Kapitalismuskritik an.

Der ursprüngliche Ansatz ist auf jeden Fall kapitalismuskritisch. Ob das heute noch alle so sehen, weiß ich nicht. Heute ist der Faire Handel Teil des Welthandels, aber immer noch eine kritische Bewegung. Wir müssen auf jeden Fall nicht noch mehr freien Handel schaffen, sondern ganz klare Rahmenbedingungen setzen.

Das ist ja ein ganz aktuelles Thema, die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta mit den USA und Kanada treffen auf große Widerstände. Welche Auswirkungen hätten diese Abkommen auf Länder in Afrika oder Asien?

Die Meinung der Experten ist, dass gerade die Entwicklungsländer negativ davon betroffen sein werden. Weil die Bedingungen, die die USA, Kanada und Europa diktieren könnten, noch dominanter wären. Bei der Welthandelsorganisation WTO waren keine Abkommen mehr möglich, weil die Entwicklungsländer gesagt haben, wir müssen uns besser schützen können. Nun versuchen die Industrieländer durch bilaterale Abkommen Ihre Interessen durchzusetzen.

Nehmen wir einmal das Beispiel Westafrika, Senegal. Dort sind viele Bauern arbeitslos geworden, weil das Land Tomaten importiert. Zahlreiche Bauern sind nach Südspanien geflüchtet und arbeiten dort jetzt in Tomatenplantagen. Wie kann so etwas entstehen?

Das liegt an der Überlegenheit der europäischen Produktionsmethoden. Die Bauern in Afrika arbeiten unter viel schlechteren Bodenbedingungen und mit viel weniger Wasser. Hier treiben zwei ungleiche Partner Handel, und der Stärkere profitiert davon weitaus mehr.

Was könnte man tun, dass der Bauer im Senegal wieder Tomaten anbaut?

Man müsste die europäischen Tomaten mit Zöllen belegen, so dass die senegalesische Landwirtschaft wieder konkurrenzfähig ist. Freihandelsabkommen sorgen aber dafür, dass Zölle abgebaut werden, und diese Länder haben dann keine Schutzmöglichkeiten. Ein anderes Beispiel sind die europäischen Schiffe vor der westafrikanischen Küste, die den Leuten dort die Fische wegfischen. Die Länder bekommen zwar einen finanziellen Ausgleich dafür, viele Fischer werden dadurch aber arbeitslos. Viele Westafrikaner sind auf dem Weg nach Europa, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive mehr haben. Wenn man Fluchtursachen wirklich bekämpfen will, muss man an den Dingen, die wir hier in der Hand haben, etwas ändern. Und da ist die europäische Agrarpolitik ein wichtiger Faktor.

Immer mehr Menschen kaufen zwar faire Produkte, aber letztendlich ist doch die große Politik maßgeblich.

Selbstverständlich ist die Politik wichtig, aber es ist nicht so, dass der Einzelne nichts tun kann. Beim Fairen Handel kann der Bürger durch seine tägliche Kaufentscheidung Politik mit dem Einkaufskorb machen. Wenn Einzelhändler und Lebensmittelkonzerne sehen, dass die Kunden andere Produkte wollen, und nicht nur billig, billig, steigt auch deren Bereitschaft, etwas zu ändern.

Wie verhalten Sie sich ganz persönlich, unter welchen Gesichtspunkten kaufen Sie ein?

Wir versuchen möglichst Fair Trade, biologisch und regional einzukaufen. Auf dem Wochenmarkt oder bei kleinen Einzelhändlern. Wenn wir im Supermarkt einkaufen, achten wir besonders auf Fair Trade und Bio-Produkte. Wenn wir Klamotten kaufen, dann eher ein paar weniger, dafür aber unter vernünftigen Bedingungen hergestellt.

 
 

EURE FAVORITEN