„Leider deutsch“ reflektiert Erfahrung junger Migranten

Das Theater Kohlenpott  bei den Proben für „Leider deutsch".
Das Theater Kohlenpott bei den Proben für „Leider deutsch".
Foto: WAZ FotoPool
Das Theater Kohlenpott hat mit professionellen Schauspielern und jugendlichen Darstellern ein neues Stück entwickelt. „Leider deutsch“ hat am Freitag in den Flottmann-Hallen Premiere. Angekündigt ist ein so ernsthaftes wie witziges Stück über Fragen der Herkunft und der Identität.

Herne..  Irgendwie hat Ali den richtigen Moment verpasst. Den Moment, in dem er hätte klarstellen sollen, dass er nicht der „süße Türke“ ist, für den ihn seine neuen Mitschüler halten, allen voran Anna, die mit deutschen Jungs nichts anfangen kann. Jetzt hat Ali ein Problem, denn eigentlich heißt er Albert und ist Deutscher. Aber was bedeutet das schon, deutsch sein? Oder türkisch?

Dieser Frage und anderen rund um den berüchtigten „Migrationshintergrund“ geht das neue Jugendstück des Theater Kohlenpott nach, das am Freitag Premiere in den Flottmann-Hallen feiert. „Leider deutsch“ heißt es, und Regisseur Frank Hörner hat es mit dem Autor Christian Schönfelder („Kanalhelden“), drei Schauspielern und fünf jungen Darstellern entwickelt.

Dass die Jugendlichen bis auf eine Ausnahme, den „Bio-Deutschen“ Jens Appelbaum, aus zugewanderten Familien stammen, ist gewollt. Denn Nadia Ihjeij, Zeynep Topal, Sefa Küskü und Kai Soni sollen im Stück als junge Migranten drei Schauspielern mit ihren Erfahrungen helfen, etwas Authentisches auf die Bühne zu bringen. Ein „Stück im Stück“ also, was sich aber komplizierter anhöre als es sei, versichern die Beteiligten. Till Beckmann, Jennifer Ewers und Manuel Moser stellen die Schauspieler dar. Ewers und Moser, beide aus Köln, sind in Herne aus dem Scheidungsstück „Du, du und ich“ bekannt.

Gewinn für alle Beteiligten

Profitiert haben von der Stückentwicklung alle, scheint es. Immer wieder wurden - auf der fiktionalen Ebene wie im realen Probenprozess - Zuschreibungen hinterfragt, eigene Einstellungen überprüft und mit Erwartungen abgeglichen. Dabei hat Frank Hörner etwa erfahren, „dass der Migrationshintergrund für unsere fünf Jugendlichen hier lange nicht so ein großes Thema ist, wie wir erwartet haben oder wie wir es gerne hätten.“ Im Stück heißt das dann: „Wir haben die falschen Jugendlichen gecastet.“ Viel zu gebildet, immer pünktlich ...

Auf der Bühne gibt Sefa dem falschen Türken „Ali“ Tipps, wie er türkisch wirkt, und Zeynep verrät „Anna“, was sie tun muss, wenn sie sich mit einem türkischen Jungen trifft. „Das ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, da ist etwas von mir drin“, sagt Zeynep, die schon bei ähnlichen Projekten mitgemacht hat, in denen eine Beteiligung zwar immer „angepriesen“, aber seltener umgesetzt worden sei. Ganze Dialoge seien im Zusammenspiel mit den Jugendlichen entstanden, bestätigt Dramaturgin Gaby Kloke. Sogar Gags seien eingeflossen, ergänzt Sefa. Für Kai, der indische Wurzeln hat, sich aber bisher als deutsch betrachtete, war die Stückentwicklung sogar ein Anlass, sich „mit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen“.

Trotz allem sei „Leider deutsch“ kein Problemstück, sagt Regisseur Hörner, sondern streckenweise einfach „unfassbar witzig“.

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