Leben ohne digitale Spuren ist nicht leicht – ein Experiment

Auf das Telefonieren mit dem Handy wollte Volontärin Dagmar Hornung nicht ganz verzichten.
Auf das Telefonieren mit dem Handy wollte Volontärin Dagmar Hornung nicht ganz verzichten.
Foto: FUNKE Foto Services
WAZ-Volontärin Dagmar Hornung wagt den 48-Stunden-Selbstversuch: Wie hinterlässt man möglichst wenig Daten im Netz und anderswo?

Herne.. Online-Shops, soziale Netzwerke, Bankautomaten, Überwachungskameras oder Kundenkarten: Viele meiner Handlung werden irgendwie aufgezeichnet. Ich hinterlassen täglich digitale Spuren. Zum Teil soll das der Sicherheit dienen. Tatsächlich dient vieles Werbezwecken. Während ich im Netz surfe, machen Facebook, Google und Co. ihr Geld damit. Weil ich nichts vom Kuchen abbekomme, möchte ich aussteigen – erstmal probeweise, 48 Stunden lang.

Das bedarf einiger Vorbereitungen: Allzu sehr bin ich bereits an die Annehmlichkeiten eines intelligenten Telefons gewöhnt. Neue Techniken hierfür versprechen Datensicherheit: Der Nachrichtendienst WhatsApp beispielsweise hat gerade eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eingeführt. Ich traue der Sache nicht, bereite dem Versand mobiler Daten ein Ende und schalte die Handy-Funktion aus. Den Laptop klappe ich zu.

Handy für den Notfall

Es ist Freitagabend, und bevor ich diesen Schritt gehe, habe ich bereits Bargeld abgehoben und getankt. Meine engsten Freunde und die Mutter sind informiert. Das Handy bleibt allerdings an. So fühle ich mich sicherer, wenn ich, wie heute Abend, allein unterwegs bin. Und ich bleibe bei Notfällen erreichbar.

Die Abendplanung führt mich nach Oberhausen. Eine Spaßpunkband veröffentlicht ihr neues Album. Obwohl ich dort oft im Druckluft war, habe ich mir den Fahrtweg von meiner Essener Wohnung aus nie gemerkt. Warum auch, wenn man Navi und Smartphone besitzt? Ich habe Glück und finde die Anschrift der Konzert-Location unter bereits besuchten Orten im Navigationsgerät. Auch das zeichnet Daten auf. Ob wohl jemand meine Route verfolgen kann, während ich fahre? Darüber weiter nachzudenken, bleibt keine Zeit. In Oberhausen angekommen, muss ich telefonieren. Ein Freund hat die Karten besorgt und ist nicht aufzufinden. Wenig später stehe ich in der dunklen Halle zwischen grölenden Freizeit-Punkern und fühle mich in der Masse für kurze Momente wirklich anonym.

Eine freundliche Melodie reißt mich aus dem Schlaf. Ich hatte vergessen, den Wecker auszuschalten. Samstagmorgen, 7 Uhr, zu früh: Zeit für Toast, Kaffee und Nachrichten. Blöd nur, dass die Zeitung unten im Hausflur liegt. Ich sitze im dritten Stock in der Küche. Der Laptop steht direkt neben der Kaffeekanne. Ich klappe ihn auf – und direkt wieder zu. Da war ja was: das Datenexperiment. Um langsam in den Tag zu kommen, möchte ich Musik hören. Wieder bewegt sich meine Hand Richtung Computer und zuckt Sekundenbruchteile später zurück.

Fotos und Facebook

Um 12 Uhr bin ich verabredet. Mit einer Bekannten geht’s in den Supermarkt. Einkaufen für 40 Personen. Mein Partner veranstaltet ein Noise-Festival, wir kochen das Essen für Team und Künstler. Julias Adresse kam gestern gegen Mittag im Facebook-Chat. Ich hatte sie mir direkt in einen Block notiert. Wieder hilft das Navigationsgerät. Als sie mit im Auto sitzt, lotst sie uns – noch bevor ich etwas sagen kann – mit dem Handy. Naja, nicht meine Daten, denke ich darüber im Stillen, während wir unseren Einkaufswagen über den videoüberwachten Parkplatz schieben. Immerhin: Ich habe bar bezahlt.

Auf geh’s nach Mülheim ins AZ. Dort treffen sich heute Technikbegeisterte, um Töne so zu verzerren, dass sie als Musik nicht mehr erkennbar sind. Was die Szene wohl von Überwachungstechnik hält? Die Frage erübrigt sich. Nicht einmal das Fotografieren ist erlaubt. Partyaufnahmen sind im AZ verpönt – zum Schutz der Gäste, die sich nicht auf Facebook wiederfinden möchten. Ein geeigneter Ort, um unterzutauchen. Ich verschwinde für gefühlte acht Stunden in der dortigen Küche und verschlafe den halben Sonntag.

Meinen Nachmittagsspaziergang mache ich ohne Handy. Am Abend schaue ich eine Serie im Netz – allerdings nicht am eigenen PC. Fazit: Dem Internet komplett den Rücken kehren oder gar aufs Handy verzichten, ist kaum möglich. Wer das vor hat, muss umdenken – und den Alltag anders planen. Kameras entkommt man nicht. Ich werde locker bleiben und versuchen, in Zukunft ein gesundes Maß zu finden.

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