Kirmes, Kirmes, wer ist die beste im ganzen Land?

Für Daniel Schreckenberg liegt Crange bei den Getränken und der Orientierung vorne. Im Gesamturteil kommt er bei seinem Vergleich mit Düsseldorf zu einem salomonischen Unentschieden.
Für Daniel Schreckenberg liegt Crange bei den Getränken und der Orientierung vorne. Im Gesamturteil kommt er bei seinem Vergleich mit Düsseldorf zu einem salomonischen Unentschieden.
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  • Bei der Anreise über den Rhein punktet Düsseldorf
  • Bei den Getränken hat Crange die Nase vorn
  • Am Ende lautet das salomonische Urteil: Unentschieden

Es gibt Sätze, die sollten in Herne besser nicht gesagt werden. „Ich bin ein Fan vom großen Verein im Süden der Republik“ zum Beispiel. Oder: „Cranger Kirmes? Die einzig wahre Kirmes steht am Rhein!“ Zu letzterer Feststellung habe ich mich in einer Redaktionskonferenz hinreißen lassen. Armer Kerl, dachten meine Kollegen wohl, der hat seine Studienzeit in Düsseldorf verbracht, kommt nicht aus Herne - bzw. Wanne-Eickel! - und kennt nichts als den Rummel am Rhein. Das muss sich umgehend ändern. Und so finde ich mich ein paar Tage später inmitten des bunten Achterbahntrubels in Wanne-Eickel ein. Zum ultimativen Kirmesvergleich: Crange gegen meine Kirmes am Rhein.

Anreise

Die Anreise zur Rheinkirmes ist ein echtes Highlight. Und zwar dann, wenn einer der begehrten Plätze auf den Bootsfähren, die extra zwischen Altstadt und Rheinwiese wie ein Shuttleexpress fahren, ergattert ist. Schaukelnd den Blick in Richtung Achterbahnen gerichtet, die Lichter, das Kreischen. Ein Moment des Innehaltens vor der Spaßexplosion. Crange liegt zwar ebenfalls am Wasser, doch über den Kanal gibt es keinen Kirmespfad. Die abendliche Fahrt vom Hauptbahnhof wirkt daher zunächst unspektakulär. Erst als sich der Bus langsam durch den Verkehr in Richtung Alt Crange schiebt und am Horizont das grellbunte Lichtermeer der Kirmes aufflackert, ziehen mich Popcornduft und Dudel-Sound in ihren Bann. Trotzdem Crange, diesen Vergleich gewinnt Düsseldorf.

Orientierung

Zu Beginn der Kirmes geht es für mich ein Stockwerk höher. Um gänzlich in den Rummel eintauchen zu können, brauche ich zunächst die Vogelperspektive. In Düsseldorf geht es dafür immer auf den Star-Flyer, ein Kettenkarussell auf 50 Metern Höhe. Düsseldorf, du schmuckes Ding, denke ich dann immer, und es winken die Ferienflieger auf ihren Starts in die weite Welt. Für Herne habe ich mir – auch weil der Name zwar weniger Schwindel, dafür aber genauso viel Überblick verspricht – das Sky Lounge Wheel, ein 59 Meter hohes Riesenrad, ausgesucht. Mit weniger Adrenalin im Blut lasse ich das Menschengewusel zwischen den engen Häuserschluchten auf mich wirken, sehe die Lichtinstallationen der Halden und die bunten Achterbahn-Geschosse auf ihrem wilden Ritt. Kerr, hier bist du aufgewachsen, datt is’ der Pott, Trubel und Spaß, schäbig und schön: auf engsten Raum vereint. Und deshalb Crange, gewinnst du hier.

Getränke

Der Düsseldorfer an sich wird ja gemeinhin als etwas versnobt empfunden. Dass die Kirmes am Rhein auch noch in Oberkassel stattfinden, dem noblen Viertel auf der stadtabgewandten Rheinseite, mag den Schicki-Micki-Eindruck verstärken. Doch falsch gedacht. Zehn Tage lang offenbart sich der Rummel als weltoffen, freundlich, einladend und spaßerfüllt. Doch auch Crange bietet das: Als wäre das gesamte Ruhrgebiet zusammengekommen, überall gibt es Heimatgefühl, kaufbar in Bierflaschenformat. Daher ganz klar: unentschieden.

Volksfest

Apropos Bier. Alt, das war ja nie so meins, doch dank der lokalen Brauereien gehörten sie in Düsseldorf auch für mich zum alljährlichen Kirmes-Ritual. Und vielleicht deshalb zum verklärten Kirmeseindruck? Um echte Chancengleichheit herzustellen, muss ich mich auch auf Crange in einen bier-seeligen Zustand versetzen. Im Cranger Festzelt bin ich überrascht, gibt es hier doch nur Maß und Brezeln statt Ruhrpott-Charme. Sei es drum, an den Ständen draußen befinde ich mich kurzerhand wieder nördlich der Weißwurst-Welt. Gut so, denn wenn der Pott etwas kann, dann ist es Pils. Und so trinke ich mich durch die hiesigen Brauereien und vergesse meine Düsseldorfer Altbier-Exilzeit schnell. Crange: dein Punkt.

Sowohl die Kirmes am Rhein als auch die Cranger-Kirmes streiten sich um den Titel „Größtes Volksfest in NRW“. Es gewinnen – je nach Perspektive – beide. Kommen im Schnitt etwas über vier Millionen Menschen nach Crange, muss sich Düsseldorf bei diesem Wert knapp geschlagen geben. Doch ist das Düsseldorfer Gelände mit 17 Hektar fast doppelt so groß wie der Cranger Rummel. Ergo: Unentschieden.

Tradition

Crange geht auf einen alten Pferdemarkt im 15. Jahrhundert zurück, die Kirmes in Düsseldorf war einst ein Kirchenfest. Erstmalig erwähnt wurde der Rummel am Rhein aber bereits im 14. Jahrhundert. Punkt für die Landeshauptstadt.

Fahrgeschäfte

500 Schausteller in Crange, 309 in Düsseldorf: Zu viele Attraktionen, um sie alle auszuprobieren. Auch die Schlangen davor sind meistens lang, aber das gehört zu einem Rummel dazu. Auch hier ein Gleichstand also.

Ergebnis

Unentschieden. Das Tolle daran: Beide Feste finden nicht zur selben Zeit statt. Mein Weg führt mich auch künftig nach Düsseldorf. Und zwei Wochen später nach Crange.

 

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