Kein frohes Fest für syrisch-orthodoxe Gemeinde in Herne

Pfarrer Samuel Gümüs ist auch in diesem Jahr nicht in Feierstimmung.
Pfarrer Samuel Gümüs ist auch in diesem Jahr nicht in Feierstimmung.
Foto: WAZ FotoPool
Die syrisch-orthodoxe Gemeinde wird in diesem Jahr kein frohes Fest feiern. Zu sehr sind viele der Gemeindemitglieder mit den Gedanken bei Verwandten und Freunden in Syrien. Pfarrer Samuel Gümüs sorgt sich auch um zwei Erzbischöfe, die im April in Aleppo entführt wurden.

Herne. Ja, auch in der kleinen Kirche an der Deutschen Straße in Wanne wird heute die Christmette begangen. Von Feiern kann allerdings keine Rede sein. Zum Feiern ist den Gemeindemitgliedern nicht zumute. Der Grund: Sie gehören der syrisch-orthodoxen Gemeinde an. Viele der Gläubigen sind in Gedanken bei Verwandten oder Freunden in Syrien.

„Wie können wir feiern, wenn dort der Krieg tobt und unsere Brüder und Schwestern leiden“, fragt Gemeindepfarrer Samuel Gümüs. Eine Antwort erübrigt sich. Auch im vergangenen Jahr kam die Gemeinde zu Weihnachten lediglich zum Gebet zusammen, ebenso zu Ostern. Zu viele Sorgen plagen sie.

Die Gemeinde in Wanne ist nicht irgendeine, ihre Bedeutung reicht in mehrfacher Hinsicht über die Stadtgrenzen hinaus. Sie vereint Christen der syrisch-orthodoxen Glaubensrichtung aus dem ganzen Ruhrgebiet. „Wir sind auch in Moers, Iserlohn und teilweise im Münsterland zuständig“, sagt Geschäftsführer Adnan Memertas. Etwa 1000 Mitglieder gehören zur Gemeinde. Die führte bis 1990 ihre Gottesdienste in der Laurentiuskirche durch, dann kaufte sie die Kirche an der Deutschen Straße.

Zwei Erzbischöfe entführt

An ein normales Gemeindeleben ist seit mehr als zwei Jahren kaum mehr zu denken, wie ein dunkler Schleier hat sich der Bürgerkrieg in Syrien über die Gedanken gezogen. „Wir beten in jedem Gottesdienst, dass der Krieg bald aufhört“, sagt Samuel Gümüs.

Doch ein Ende scheint zurzeit überhaupt nicht in Sicht. Erst am vergangenen Sonntag meldeten die Nachrichtenagenturen über 50 Tote nach Bombenangriffen des Regimes auf Rebellenstationen in Aleppo. Für Samuel Gümüs eine unerträgliche Situation: „Das ist die Hölle.“ Täglich steht er in Kontakt mit zahlreichen Menschen im Bürgerkriegsland - von Laien bis zu Bischöfen.

Erzbischöfe der syrisch-orthodoxen Kirche entführt

Seit dem 22. April hat Samuel Gümüs noch eine Sorge mehr: An jenem Tag wurden in Aleppo zwei Erzbischöfe der syrisch-orthodoxen Kirche entführt. Der Pfarrer erhielt vom Patriarchen den Auftrag, nach Lebenszeichen zu suchen. So hielt es ihn in den vergangenen Monaten nicht in Wanne-Eickel. In Moskau, Berlin, in der Türkei oder bei der Europäischen Union in Brüssel versuchte er über diplomatische Kanäle Licht ins Dunkel zu bringen und bat um humanitäre Hilfe. Bislang ohne klares Ergebnis. So bleibt die Angst um ihr Leben. An dieser Stelle ist Samuel Gümüs ganz Kirchenmann: „Wenn der Schäfer weg ist, kann man sich vorstellen, was mit den Schäfchen passiert.“

Darüber hinaus sorgt sich der Pfarrer um die Existenz des Christentums im Nahen Osten. Nicht nur, weil die Kirchen bombardiert und ruiniert würden. Waren Christen vor Beginn des Bürgerkriegs in Syrien durchaus akzeptiert im Land, so habe sich die Lage nun geändert. „Die große Politik hat es versäumt, sich Gedanken um das einfache Volk zu machen“, kritisiert Samuel Gümüs.

Historie der syrisch-orthodoxen Kirche reicht zurück bis ins 3. Jahrhundert

Die Geschichte der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien reicht zurück bis ins 3. Jahrhundert. Nach der sogenannten Urgemeinde von Jerusalem ist die Kirche von Antiochien die älteste christliche Kirche überhaupt.

Der Sitz der syrisch-orthodoxen Kirche ist Damaskus. Die Schätzungen zur Zahl der Gläubigen schwanken zwischen 1,5 und 2 Millionen. Die meisten von ihnen, etwa eine Million, leben in Indien. In Deutschland sind es etwa 60 000. Die deutsche Erzdiözese hat ihren Sitz in Warburg.

Syrische Gastarbeiter wurden ab 1961 angeworben

Die in Deutschland ab etwa 1961 angeworbenen Gastarbeiter waren laut Darstellung der syrisch-orthodoxen Kirche in den ersten Jahren fast nur syrische Christen.

Ein Beispiel: die Eltern von Adnan Memertas, die 1969 ins Ruhrgebiet kamen. Er selbst erhielt 2010 für sein Engagement - u.a. für die syrisch-orthodoxe Kirche - eine Auszeichnung für seinen Einsatz bei der Eingliederung von Migranten.

Die Wanne-Eickeler Gemeinde finanziert sich zu hundert Prozent über Spenden.

 
 

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