Kämpfer für eine andere Psychiatrie

Tobias Bolsmann
Matthias Seibt kämpft für eine 180-Grad-Wende im Psychiatrie-System.
Matthias Seibt kämpft für eine 180-Grad-Wende im Psychiatrie-System.
Foto: WAZ FotoPool
Der Wanne-Eickeler Matthias Seibt kämpft seit Jahren für einen anderen medizinischen und juristischen Umgang mit Psychiatrie-Patienten. Unter anderem engagiert er sich im Bundes- und Landesvorstand der Psychiatrie-Erfahrenen.

Wanne-Eickel.  Es ist eine politische Diskussion, die im Schlagschatten der großen Themen wie Finanzkrise oder Energiewende stattfindet: die Neuregelung der Zwangsbehandlung in der Psychiatrie, die nach einem Urteil des Bundesgerichtshof nötig ist. Nur Fachleute und Betroffene verfolgen das Gesetzgebungsverfahren, etwa eine Expertenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestages Anfang Dezember. Einer, der sich sehr aktiv in diesen Prozess einmischt, ist Matthias Seibt.

Der Wanne-Eickeler bezeichnete die Anhörung als Farce und warf dem Ausschussvorsitzenden Siegfried Kauder (CDU) vor, Journalisten und Zuschauer aus dem Saal geworfen zu haben, um eine „Geheimanhörung abzuziehen“. Seibt ist beim Thema Psychiatrie bundesweit eine feste Größe, im Laufe der Jahre hat er sich vom Betroffenen zum Fachmann entwickelt und gehört sowohl dem Bundes- als auch dem Landesverband der Psychiatrie-Erfahrenen an.

Der Vereinsname sagt es: Der heute 52-Jährige hat in jungen Jahren selbst Medikamente genommen und blickt auch auf eine Episode in einer Einrichtung zurück. „Ich habe mich dann ganz bewusst entschieden, gesund zu werden“, erzählt er. Die Motivation, bei Problemen Tabletten einzunehmen, kennt er aus der persönlichen Erfahrung. „Der Mensch ist eben bequem, Medikamente scheinen kurzfristig attraktiv zu sein, um sich wohler zu fühlen. Doch sie ändern nun mal nicht die Lebensumstände, die konkreten Probleme werden damit nicht bearbeitet“, betont Seibt. Die Pharmaindustrie mache sich die Bequemlichkeit und Naivität der Patienten zunutze, Psychopharmaka würden immer schneller verschrieben - und trieben das Unheil nur voran.

Seibt selbst versuchte mit einem Psychologiestudium seine eigenen Schwierigkeiten besser auf die Spur zu kommen, doch beim Taxifahren habe er mehr gelernt als im gesamten Studium, zieht er im Rückblick ein ernüchterndes Fazit.

Auch dies mag eine Motivation gewesen sein, 1991 eine Selbsthilfegruppe zu gründen und vier Jahre später den NRW-Landesverband der Psychiatrie-Erfahrenen.

„Ich bohre ein dickes Brett“

Das Ziel ist klar: Seibt will eine komplette Kehrtwende sowohl beim juristischen als auch beim medizinischen Umgang mit Patienten. Und ebenso klar ist sein Urteil zum Status Quo: „Das bestehende System schadet mehr als es nützt.“

Seibt arbeitet auf zwei Ebenen: Einerseits bietet er Selbsthilfe und eine Psychopharmaka-Beratung an, andererseits bringt er Politik und Verwaltung seinen Standpunkt nahe. An einen Reformwillen des existierenden Psychiatriesystems glaubt er nicht, deshalb ist er sich sehr bewusst, „dass ich ein dickes Brett bohre“. Dieses dicke Brett ist zurzeit eben jene Zwangsbehandlung. Seibt: „Wir wollen verhindern, dass sie wieder durch ein Gesetz legalisiert wird.“