Jugendamtsskandal: die Stadt Herne im Zeugenstand

Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung St. Josef in der Gelsenkirchener Innenstadt.
Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung St. Josef in der Gelsenkirchener Innenstadt.
Foto: FUNKE Foto Services
Eine Vertreterin des Herner Jugendamtes sagte jetzt im Gelsenkirchener Untersuchungsausschuss zum dortigen Jugendamtsskandal aus.

Herne..  In Gelsenkirchen ringen Stadt und Politik zurzeit in einem Untersuchungsausschuss um die Aufklärung des Skandals um die dortige Jugendamtsspitze und das Kinderheim St. Josef. Stichwort: „Jugendhilfe als Geschäftsmodell“. In der jüngsten Sitzung stellte sich mit Stephanie Jordan auch eine Vertreterin des Herner Jugendamts auf Einladung freiwillig den Fragen des Gremiums. Hintergrund: Die Herner Behörde hatte 2004/05 im Fall eines Herner Jugendlichen mit den jetzt Beschuldigten kooperiert.

Für die Gelsenkirchener Ermittlungen dürften Jordans Antworten keine näheren Aufschlüsse gebracht haben, doch für den Herner „Fall“ offenbarte sich ein bisher so nicht bekanntes Detail. Und auch der sprunghafte Anstieg der Belegung von St. Josef durchs Herner Jugendamt ab 2013 (wir berichteten) spielte am Rande eine Rolle.

15-jähriger Herner wurde in ungarischer Einrichtung betreut

Wie berichtet, hatten der Leiter und der Vize des Gelsenkirchener Jugendamtes über die von ihnen gegründete Gesellschaft „Neustart kft“ in Ungarn ein Heim geführt, in dem Kinder und Jugendliche intensivpädagogisch betreut wurden. Der im Raum stehende Vorwurf: Die Jugendamtsspitze soll mit dem Kinderheim St. Josef zum wirtschaftlichen Nutzen beider Seiten eng zusammengearbeitet haben. So soll beispielsweise die inzwischen gekündigte Heimleiterin ihre Einrichtung gezielt überbelegt haben.

Stephanie Jordan konnte im Ausschuss über den Herner Fall nur nach Aktenlage berichten, weil sie damals noch nicht in Herne tätig war. Sie informierte den Ausschuss sehr ausführlich über einen 15-Jährigen, der Anfang 2005 von der Stadt Herne über St. Josef bei „Neustart“ in Ungarn für ein Jahr intensivpädagogisch betreut worden war. Die Maßnahme habe dem Jungen geholfen und werde als positiv bewertet, so das Fazit der Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD).

Neben „Neustart“ in Ungarn hätten damals zwei weitere Auslandsmaßnahmen für den 15-Jährigen zur Auswahl gestanden. „Neustart“ sei aufgrund der Konzeption ausgewählt worden, so Jordan. Referenzen dieses Trägers können nicht der Grund gewesen sein, denn: Aus der WAZ vorliegenden Dokumenten geht hervor, dass es „Neustart“ zum Zeitpunkt der Entscheidung Hernes im November 2004 formal noch gar nicht gab. Die offizielle Gründung fand erst kurz darauf statt. Trotz der positiven Bilanz für diese Maßnahme belegte das Herner Jugendamt nach 2005 die „Neustart“-Einrichtung in Ungarn nicht mehr.

Vertreter der Gelsenkirchener Politik sprachen im Ausschuss auch den sprunghaften Anstieg der Belegung des Kinderheims St. Josef durch das Herner Jugendamt ab dem Jahr 2013 an. Wie berichtet, war zum damaligen Zeitpunkt eine Mitarbeiterin des Gelsenkirchener Jugendamts nach Herne gewechselt, die in enger persönlicher Beziehung zur Gelsenkirchener Jugendamtsspitze gestanden hatte. In diesem Zusammenhang hatte die Stadt Herne der WAZ auf mehrere Nachfragen konkrete Belegungszahlen für St. Josef für die Jahre 2009 bis 2013 und detailliertere Informationen nicht liefern wollen. Begründet wurde dies zunächst mit dem Streik der Erziehungsdienste und später mit Softwareproblemen sowie dem „Sozialdatenschutz“. Im Gelsenkirchener Untersuchungsausschuss konnte Stephanie Jordan zur Belegung von St. Josef durchs Herner Jugendamt ab 2013 keine Angaben machen.

Zwei Herner Kinder leben noch im St. Josef-Heim

Auf eine aktuelle Anfrage der WAZ teilt die Stadt am Donnerstag mit, dass zurzeit noch zwei Herner Kinder bzw. Jugendliche im Gelsenkirchener St. Josef-Heim leben. Die 2015 getroffene Entscheidung, bis zur Aufklärung aller Gelsenkirchener Vorkommnisse dieses Heim nicht mehr zu belegen, habe nach wie vor Bestand, so Stadtsprecher Hüsken. In Auslandsmaßnahmen seien aktuell drei Herner Jugendliche untergebracht - zwei in Polen, einer in Spanien.

 
 

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