Jobtraining für Stadtmusikanten

„Mund:ART" für Arbeitssuchende: Migranten spielen Theater.
„Mund:ART" für Arbeitssuchende: Migranten spielen Theater.
Foto: Ralph Bodemer / FUNKE Foto Services
In einem Theaterprojekt verbessern 20 Teilnehmer mit ausländischen Wurzeln ihre Deutschkenntnisse beim Bildungsträger Defakto GmbH in Eickel.

Herne.  Elizabeth Siapi spielt den Esel. Sie stammt aus Kamerun und ist Mitglied einer Theatergruppe, die die „Bremer Stadtmusikanten“ probt. Die 37-Jährige wohnt seit sieben Jahren in Deutschland und würde hier gerne arbeiten. Aber sie bekommt keinen Job, weil ihre Deutschkenntnisse nicht ausreichen und vielleicht auch ihre Zeugnisse. Beim Projekt „Mund:art“ schräg gegenüber der Hülsmann-Brauerei am Eickeler Markt wird sie jetzt fit gemacht für den Arbeitsmarkt – und als Esel bei den Bremer Stadtmusikanten lernt sie kräftig das wichtigste Handwerkswerkszeug dazu: die Sprache.

Anfang Oktober ging der private Bildungsträger Defakto GmbH in Eickel mit Mund:art an den Start, über ganz Deutschland verstreut gibt es Ableger des Unternehmens. Bezahlt werden die Theaterpädagogen, Sozialpädagogen und Sprachtrainer vom Jobcenter, das versucht, über diesen Weg Kunden in eine Ausbildung oder an einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Die 20 Teilnehmer in Eickel spielen aber nicht nur Theater zur Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse, sondern bekommen auch Jobcoaching obendrein: „Wir finden in Gesprächen heraus, wo die Stärken der Teilnehmer liegen, versuchen fehlende Papiere zu bekommen und führen mit ihnen Sprach- und Bewerbungstrainings durch“, erklärt Projektleiterin Viola Niepel (47).

Neun Monate läuft das Projekt insgesamt, im April gehen alle Teilnehmer in ein Praktikum. Das kann in einer Autowerkstatt sein, beim Friseur oder bei einem Floristen. Die Frauen und Männer kommen aus Russland, Pakistan, dem Irak oder der Türkei. Flüchtlinge aus Syrien sind – noch – nicht darunter, werden es laut Viola Niepel ab dem kommenden Jahr wohl auch sein.

In anderen Einrichtungen von Defacto kann man schon über die positiven Wirkungen des künstlerisch fundierten Arbeitsmarktprojektes berichten. Rund 50 Prozent der Teilnehmer bekamen eine berufliche Perspektive. „Nach dem Praktikum auf dem Ponyhof ist eine Teilnehmerin sogar an einen Ausbildungsplatz in einem Rennstall gekommen“, berichtet Viola Niepel .

Elizabeth Siapis Traumberuf ist Kosmetikerin, sie würde aber auch in einem Altenheim anfangen, schließlich hat sie in Kamerun als Krankenpflegerin gearbeitet, allerdings ohne konkrete Ausbildungsnachweise. „Ich schäme mich jetzt nicht mehr so, habe durch das Theaterspielen die Angst vor der deutschen Sprache verloren“, strahlt die Mutter eines siebenjährigen Sohnes. Mehr Selbstbewusstsein habe sie bekommen – auch wenn sie nur einen Esel spielt.

 
 

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