Immer mehr junge Menschen in Herne brauchen einen Betreuer

Auch er wird vom Amtsgericht angerufen, um für Menschen Dinge zu regeln: der Betreuungsverein.
Auch er wird vom Amtsgericht angerufen, um für Menschen Dinge zu regeln: der Betreuungsverein.
Foto: Stefan Kuhn
Immer mehr Junge brauchen in Herne einen Betreuer. Die Zahl der Menschen, die unter gesetzlicher Betreuung stehen, hat aber abgenommen.

Herne..  3112 Menschen haben in Herne einen gesetzlichen Betreuer. Das ist die niedrigste Zahl in den vergangenen fünf Jahren, teilt die Stadt auf WAZ-Anfrage mit. Auffallend dabei: Es gibt immer mehr junge Menschen, die ihre persönlichen Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln können. Gründe, sagt Stadtsprecher Horst Martens, seien Psychosen, Drogen, darunter Alkohol, aber auch die Folgen von Unfällen. Zahlen hierfür gebe es aber nicht.

Dass es trotz der demographischen Entwicklung – Stichwort: steigendes Durchschnittsalter der Bevölkerung – weniger Menschen gibt, die etwa wegen Demenz, Krankheit einer Behinderung betreut werden, liege an einem Paradigmenwechsel: Seien Menschen früher schneller entmündigt worden, heißt es bei der Stadt, so werde heute genauer geschaut, welche Alternativen es gebe. „Eine Betreuung ist ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht eines Menschen“, sagt Herbert Buch, der mit seinem Kollegen Alexander Ottmann in der städtischen Betreuungsstelle für Erwachsene arbeitet. „Wir öffnen die Türen zu anderen Organisationen, die den Menschen helfen können.“

So viel wie möglich alleine regeln

Ähnlich äußert sich Albert Okoniewski, Vorsitzender des Betreuungsvereins Herne: „Die Menschen heute sollen so viel wie möglich alleine machen.“ Sein Verein betreut bis zu 90 Menschen, viele von ihnen sind psychisch krank.

Hilfe statt Betreuung fordert nun auch der Gesetzgeber. Das im Juli 2014 novellierte Betreuungsgesetz ziele darauf ab, weniger schnell eine Betreuung anzuordnen, sagt Stadtsprecher Martens. Die Richtlinie lege, auch aus Kostengründen, Wert auf „alternative Hilfen“ – etwa zu einer Übernahme der Verantwortung für finanzielle oder gesundheitliche Angelegenheiten durch einen Betreuer. Konkret sollen etwa Schuldnerberatung, Selbsthilfegruppen oder Netzwerke im Sozialbereich einspringen.

Nicht zuletzt existiere seit den 90er Jahren neben der rechtlich angeordneten Betreuung auch die Vorsorgeverfügung. Bürger bestimmten hierbei – ähnlich wie bei einer Patientenverfügung – eine Person ihres Vertrauens und legten fest, in welchen Bereichen sie handeln dürften, erklärt der Stadtsprecher. Allein: „Diese Vorsorgeverfügungen haben sich noch nicht so richtig durchgesetzt.“ 196 zählte die Stadt 2014, im Jahr davor waren es 344.

Buch und Ottmann, die Mitarbeiter in der städtischen Betreuungsstelle, werben für das Papier, das sie auch selbst längst unterschrieben haben. Um einzuschränken: „Man muss den Leuten, die für einen handeln sollen, vertrauen, denn niemand kontrolliert die Arbeit“, sagt Buch. Bei den gesetzlichen Betreuern sei das anders, bei ihnen werde „genau hingeschaut“.

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