Herner Straftäter spielen Theater

Die Patiententheatergruppe „Zechentruppe“ zeigte in der LWL-Maßregelvollzugsanstalt das Stück
Die Patiententheatergruppe „Zechentruppe“ zeigte in der LWL-Maßregelvollzugsanstalt das Stück
Foto: FUNKE Foto Services
Acht Patienten der LWL-Maßregelvollzugsklinik beteiligten sich an einem Projekt, das sie neben dem Klinikalltag auf die Beine stellten.

Herne.  Rolf B. wickelt die lange Halskette um seinen Finger. Im roten Kleid steht er auf der Bühne, die nachgemalten Augenbrauen schauen unter einer roten Kurzhaarperücke hervor. Der psychisch kranke Straftäter spielt die Anna in der von der Theatergruppe „Zechentruppe“ der Herner Forensik inszenierten Komödie „Der Revisor“.

Regisseurin Katja Willebrand hat das einstündige Stück von Nikolai Gogol gemeinsam mit acht Patienten der LWL-Maßregelvollzugsklinik inszeniert. Ein Dreivierteljahr lang hat sich die Gruppe monatlich neben dem Klinikalltag getroffen, um die Geschichte eines jungen mittellosen Mannes auf die Bühne zu bringen, der sich in einer russischen Kleinstadt als der lang erwartete Revisor ausgibt und den Bürgern das Geld aus der Tasche zieht.

Wenig Theaterhintergrund

Vor Beginn der Aufführung werden die Zuschauer durch mehrere Sicherheitsschleusen geführt, bevor sie den Freizeitbereich der Klinik erreichen, in dem mit dunklen Vorhängen ein kleiner Raum für eine niedrige Bühne und einige Sitzplätze abgetrennt ist. Die Enge und ein buntes Bühnenbild machen die Atmosphäre seltsam familiär. „Die Patienten, die hier teilnehmen, sind alle gruppenfähig“, erklärt Willebrand. Über die Zeit habe die Gruppe eine Beziehung zueinander aufgebaut. Außerdem gefalle ihr, dass die Teilnehmer alle „extrem wenig Theaterhintergrund“ hätten: „So kommen immer wieder Ideen aus ganz verschiedenen Richtungen“, freut sich die Theaterpädagogin.

Michael K. erinnere seine Rolle als Trinker oft an „früher“. Auch deswegen habe er sich „einige Male selbst in den Hintern treten“ müssen und umso stolzer sei er nun, berichtet er nach dem Auftritt.

Während mit der Regisseurin Schauspiel- und Improvisationstraining betrieben und der Text gelernt wurde, haben sich vier weitere Patienten im Offenen Atelier der Klinik um die Requisite gekümmert. Chris Tomaszewski, Leiter des Ateliers, sagt: „Unsere Version ist eine Übersetzung in die heutige Zeit – alles ist bunt und überzogen.“ So finden sich die Schauspieler zwischen bunten Wohnzimmermöbeln und russischer Musik wieder. Rolf B. findet daran viel Spaß: eine Zeit lang jemand anders zu sein. Das Theater bedeute ihm viel, schon seit zwölf Jahren ist der 54-Jährige aktiv. Auch wenn er im kommenden Jahr entlassen wird, möchte er gerne weiter an der Gruppe teilnehmen.

 
 

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