Herner Rat erkennt Ehrenbürgerschaft in symbolischem Akt ab

Die Flottmann-Hallen werden auch in Zukunft Flottmann-Hallen heißen, betonte die Verwaltung.
Die Flottmann-Hallen werden auch in Zukunft Flottmann-Hallen heißen, betonte die Verwaltung.
Foto: WAZ FotoPool
Der Herner Rat hat dem Unternehmer Otto Heinrich Flottmann den Ehrenbürgertitel in einem „symbolisch-politischen Akt“ wieder aberkannt. Die Aberkennung sei nur symbolisch möglich gewesen, da die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod endet. Flottmann galt als aktiver Unterstützer des Nationalsozialisten.

Herne.. Der Rat hat am Dienstag auf Vorschlag der Verwaltung alle in der Nazi-Zeit von den Städten Herne und Wanne-Eickel verliehenen Ehrenbürgerschaften in einem „symbolisch-politischen Akt“ einstimmig aberkannt. Anlass war die NS-Vergangenheit des Unternehmers Otto Heinrich Flottmann, der am 24. Dezember 1935 in Herne den Ehrenbürgertitel erhalten hatte (wir berichteten).

Angesichts der Fragen, die Flottmanns Rolle aufwerfe, „wäre es für die Stadt Herne angeraten, pauschal alle Ehrenbürgerschaften zwischen 1933 und 1945 ... abzuerkennen“, so Oberbürgermeister Horst Schiereck. Mit Blick auf die Gedenkveranstaltungen im November gelte es nun, „dieses dunkle Kapitel zumindest politisch abzuschließen“, so der OB im Rat. Dies sei nur „symbolisch“ möglich, weil eine Ehrenbürgerschaft aus rechtlicher Sicht mit dem Tod des Ehrenbürgers endet.

Politisches Signal bereits 1984 gesetzt

Ein ähnliches politisches Signal hatte der Rat der Stadt bereits 1984 gesetzt, als Adolf Hitler der 1933 sowohl von Herne als auch von Wanne-Eickel verliehene Ehrentitel aberkannt worden ist. Im Jahr 1985 wurde in einem „Antifaschistischen Stadtführer“ die Forderung laut, auch die Ehrung Flottmanns zu annullieren. Dieser Appell blieb damals allerdings folgenlos (siehe rechts).

Ziel der Stadt Herne sei es nicht, betont der Oberbürgermeister, Stadtgeschichte von unbequemen Fakten zu bereinigen und damit die Flottmann-Hallen womöglich umbenennen zu wollen. Ziel sei es aber, sich mit der Stadtgeschichte „noch stärker als bisher öffentlich auseinanderzusetzen“. Die Verbindung der Flottmann-Hallen zum Nationalsozialismus soll künftig durch eine Gedenktafel sowie in einer Dauerausstellung in der Kultureinrichtung sichtbar gemacht werden.

Hindenburgs Ehrenbürgerschaft aufgehoben

Mit dem gestrigen Ratsbeschluss ist auch die 1933 an den früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg verliehene Ehrenbürgerschaft aufgehoben worden. Weitere Ehrungen dieser Art hat es in der NS-Zeit nach Kenntnis der Stadt nicht gegeben.

Die Beschäftigung mit der eigenen Historie ist damit für die Verwaltung noch nicht abgeschlossen. Schiereck kündigte im Rat an, dass es nun um das Verschwinden der Sinti und Roma von der Cranger Kirmes gehen wird. Und auch die Geschichte der Synagogen im Dritten Reich hat die Verwaltung untersuchen lassen.

Der „Antifaschistische Stadtführer“ von 1985

1985 war es in dem von der Gewerkschaft GEW und der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) herausgegebenen „Antifaschistischen Stadtführer“ nachzulesen, wie eng der Herner Unternehmer Otto Heinrich Flottmann dem Nazi-Regime verbunden war. Auf drei Seiten hatten die Autoren dies ausführlich beschrieben, wie die Ratsgruppe Alternative Liste jüngst anmerkte. Am Ende des Beitrags im „Stadtführer“ heißt es: „Die Stadt Herne hat sich übrigens bis heute nicht öffentlich zur immer noch gültigen Ehrenbürgerschaft Flottmanns geäußert. Wäre es nicht sinnvoll, alle (propagandistischen) Beschlüsse der undemokratischen, nach dem Führerprinzip organisierten Stadträte aus der Zeit des NS-Regimes zu annullieren? Es stimmt nachdenklich, wenn man in einer offiziellen Schrift der Stadt Herne aus dem Jahr 1978 zu Heinrich Flottmann lesen muss: ,Äußere Anerkennung seines Wirkens sind 1922 die die Verleihung des Dr.-Ing. e.h., 1935 der Ehrenbürgeschaft der Stadt Herne, 1939 des Titels Baurat.’ Immerhin kann Heinrich Flottmann zu den einflussreichsten Förderern der NSDAP in Herne von 1931-1944 gezählt werden, und genau dafür haben ihm die Nazis ihre ,äußere Anerkennung’ gewährt.“

Wirtschaftlicher Aufschwung erhofft

Ein weiterer Auszug aus dem „antifaschistischen Stadtführer“ von 1985: „,Im Jahr 1931 schloß sich Heinrich Flottmann der NSDAP als Mitglied an. In der Krisenzeit (= vor 1931) hat er den Gau Westfalen-Süd und die Herner Kreisleitung in finanzieller Hinsicht tatkräftig unterstützt. Der Spielmanns- und Musikzug der Flottmann-NSBO war der erste in Deutschland. ....’ So die Herner Nachrichten , der Lokalteil der Nazi-Zeitung Rote Erde, zu der Verleihung der Ehrenbürgerrechte an den Fabrikanten Flottmann zu dessen 60. Geburtstag am 24.12.1935. .... Offenbar erhoffte sich der Firmenchef wie viele Industrielle von einer Nazi-Regierung einen wirtschaftlichen Aufschwung und trat bereits 1931 in die NSDAP ein. Er war keineswegs nur passives Mitglied, sondern unterstützte die Partei Hitlers finanziell und förderte in seinem Werk die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO).

Die Wirtschafts- bzw. Aufrüstungspolitik der Nazis ab 1933 zahlte sich für Flottmann wie für die gesamte deutsche Schwerindustrie aus. Während des Krieges waren bei den Flottmann-Werken wie in allen Betrieben unserer Stadt so genannte Fremdarbeiter, d.h. Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter, beschäftigt.“

Öffentliche Diskussion ist nicht entbrannt

Eine öffentliche Diskussion über die Rolle Flottmanns ist damals offenbar nicht entbrannt. Am 18. Oktober 1986, also nur ein gutes Jahr nach der Veröffentlichung des „Antifaschistischen Stadtführers“, weihte die Stadt Herne die Flottmann-Hallen ein. In der öffentlichen Berichterstattung gibt es keinen Hinweis darauf, dass die NS-Vergangenheit Otto Heinrich Flottmanns in diesem Zusammenhang irgendeine Rolle gespielt hat.

Hintergrund - Ehrenbürgerrechte nur auf Lebenszeit

In ihrer aktuellen Vorlage stellt die Stadt zur Rechtlichen Grundlage von Ehrenbürgerschaften fest: „,Ehrenbürgerechte’ sind nach gängiger Rechtsauffassung ,Persönlichkeitsrechte’, die auf Lebenszeit verliehen werden und mit dem Tod der Person erlöschen. Seit den 1970er Jahren gibt es um die Ehrenbürgerschaften Adolf Hitlers und ihre posthume Aberkennung eine rege politische Diskussion.

In einem symbolischen Akt aberkannt

Für gerichtlich verurteilte Kriegsverbrecher wurde der Verlust des Ehrenbürgerrechts gemäß der Direktive 38 des Alliierten Kontrollrats in Deutschland vom 12. Oktober 1946 festgelegt. Dies galt jedoch nicht für die Person Adolf Hitler, die nicht verurteilt wurde. Aufgrund dessen haben verschiedene Städte bereits seit 1947 Hitler die Ehrenbürgerschaft in einem symbolischen Akt aberkannt.

Andere sahen diesen Schritt als überflüssig an, weil nach ihrer Auffassung die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod des Ausgezeichneten erloschen sei. Dieser Meinung schloss sich Ende der 1970er Jahre zunächst auch die Stadt Herne an, um fünf Jahre später ihren Standpunkt grundlegend zu verändern. In einem Ratsbeschluss vom 06. September 1984 wurde Hitler die Ehrenbürgerschaft ausdrücklich aberkannt.

Beschlüsse für null und nichtig erklärt

Wortlaut: ,Der Rat der Stadt Herne ist einmütig der Auffassung, dass Adolf Hitler die von der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Herne am 3. April 1933 und der Stadtverordnetenversammlung der ehemaligen Stadt Wanne-Eickel am 9. November 1933 verliehenen Ehrenbürgerrechte durch seine verbrecherischen Handlungen verwirkt hat und erklärt in aller Form die damaligen Beschlüsse für null und nichtig.’ (zur Erläuterung der Daten: Dieser Ratsbeschluss nennt mit dem Datum „9. November 1933“ für Wanne-Eickel den Tag der Ausstellung des Ehrenbürgerbriefes. Der Beschluss zur Ehrenbürgerschaft wurde bereits am 19. April 1933 gefasst. )“

 
 

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