Herner Radwege sind auf dem Prüfstand

Jennifer Humpfle
Auf der Bochumer Straße gibt es nur einen Angebotsstreifen, das ist nicht immer eine sichere Lösung.
Auf der Bochumer Straße gibt es nur einen Angebotsstreifen, das ist nicht immer eine sichere Lösung.
Foto: Michael Korte
Radfahrer gehören auf die Straße: Die Stadt Herne überprüft seit einiger Zeit, wo eine Radwegbenutzungspflicht überhaupt noch sinnvoll ist.

Zwischen Rad- und Autofahrern gibt es im Straßenverkehr häufig Missverständnisse – jeder glaubt sich im Recht. Vor allem in der Frage, ob ein Radweg genutzt werden muss oder nicht, gibt es viel Unmut. Die Stadt Köln hat letzte Woche einen Beschluss zugunsten der Radfahrer gefasst: Die Benutzungspflicht von Radwegen soll aufgehoben werden, außer an besonderen Gefahrenstellen. Wir haben gefragt, ob es in Herne auch solche Pläne gibt. Schließlich trägt Herne den Titel „fahrradfreundliche Stadt“.

„Die Aufhebung der sogenannten Radwegbenutzungspflicht ist auch bei uns ein wichtiges Thema“, erklärt Stadtsprecher Christoph Hüsken. Eigens dazu gebe es eine Projektgruppe Radverkehr bestehend aus Vertretern der Parteien, des ADFC, des Baudezernats sowie aus der Verwaltung (Fachbereich Tiefbau und Verkehr, Fachbereich Öffentliche Ordnung und Sport) und der Polizei. Bereits seit einiger Zeit prüfen diese Experten in enger Abstimmung mit der Verwaltung und den Fachbereichen, welche Straßen sich dafür eignen. „Die einzelnen Standorte werden genau geprüft und wenn es Sinn macht, wird die Benutzungspflicht aufgehoben.“

Bahnhofstraße ohne Pflicht

Als Beispiel für einen Radweg, an dem die Benutzungspflicht bereits aufgehoben wurde, ist im Bereich der Bahnhofstraße zwischen Nordstraße und Westring. „Hier war der Radweg auf beiden Seiten in den Bürgersteig integriert und durch rotes Pflaster gekennzeichnet“, erklärt Christoph Hüsken. „Die Verpflichtung diesen Radweg zu nutzen, wurde aufgehoben, die roten Steine bleiben erhalten.“ Radfahrer können nun auf der Straße fahren, müssen es aber nicht. Einen fixen Endpunkt, bis wann alle Wege geprüft sind, gibt es nicht, da die Prüfungen unterschiedlich aufwendig sind. „Wir haben die Radfahrer und die Radsicherheit immer auf dem Schirm“, betont Christoph Hüsken. Deshalb nehme Herne regelmäßig am Fahrradklimatest teil.

„Die Aufhebung der Radbenutzungspflicht ist das Nachvollziehen des Leipziger Urteils, demnach Radfahrer regulär auf der Straße fahren“, sagt Christian Ehrecke, Vorsitzender des ADFC Herne. Die Auflagen einen Radweg auszuzeichnen, seien hoch. „Es muss genau begründet werden, warum es ein Radweg sein soll.“ Trotzdem gelte es zu bedenken, dass eine Aufhebung nicht pauschal sinnvoll ist. An einigen Stellen könne die Aufhebung den Gesamtverkehr gefährden. „Diese Knackpunkte müssen geprüft werden, um sinnvolle Lösungen für alle Verkehrsteilnehmer zu finden.“

Beispiel Bochumer Straße: Dort gibt es einen gestrichelten Radweg, „nicht die ideale Lösung“, so Ehrecke. Denn dieser Angebotsstreifen darf von Autofahrern mitbenutzt werden. Grundsätzlich geht es um ein rücksichtsvolles Miteinander auf den Straßen. „Wir als ADFC sehen die Aufhebung als Chance, Knackpunkte zu prüfen und zu verbessern und den Verkehr voranzubringen.“

Die Polizei plädiert dafür, dass sie Rad- und Autofahrer besser arrangieren

Von Januar bis September gab es 58 Rad-Unfälle.

Ralf Böhm (Mitarbeiter Direktion Verkehr): „Der Radverkehr nimmt zu und damit vermutlich die Zahl an Unfällen.“

Vor allem Pedelecs würden von Verkehrsteilnehmern unterschätzt, da sie schneller sind als gedacht.

Unfälle passieren, wenn Radfahrer in die falsche Richtung fahren oder von Autotüren getroffen werden. Rücksicht von allen könne helfen.

Radverkehr ist Fahrverkehr, das regelt die STVO“, sagt Böhm. „Herne hat dies größtenteils umgesetzt.“

Beispiel Bochumer Straße: „Hier gibt es bald große, breite Schutzstreifen, das ist eine optimale Lösung.“

Welche Rechte und Pflichten haben Radfahrer im Straßenverkehr? 

Müssen Radfahrer eigentlich Radwege benutzen? Die Antwort ist eindeutig: Ja, wenn diese als solche durch ein blaues Schild gekennzeichnet sind. Ansonsten gibt es keine Verpflichtung. Dies gilt auch für Radwege, die mit Fußgängern geteilt werden. Häufig zu Gefahrensituationen führt, wenn Radfahrer in Gegenrichtung fahren. Autofahrer rechnen an Einmündungen nicht mit Radlern aus der „falschen“ Richtung. Grundsätzlich ist dies auch nicht erlaubt, außer ein Schild „Radfahrer frei“ erlaubt die beidseitige Nutzung.

Zebrastreifen werden häufig von Radfahrern genutzt, aber dürfen sie das? Grundsätzlich ja, wenn die angrenzenden Flächen mit dem Fahrrad befahren werden dürfen. Aber sie haben keinen Vorrang. Den erhalten sie nur, wenn sie absteigen und schieben.

Radler müssen sich ebenfalls unterordnen

Radfahrer dürfen nicht in Gegenrichtung in Einbahnstraßen fahren, es sei denn ein Schild erlaubt dies. Genauso wenig dürfen sie auf Gehwegen fahren, da sie Fahrzeuge sind. Es gibt Ausnahmen, die das Zusatzschild „Radfahrer frei“ regelt. Hier müssen sich Radler aber unterordnen, denn sie sind lediglich geduldete Gäste. Schneller als Schritttempo, rund sieben Stundenkilometer, dürfen sie dort nicht fahren.

Wann dürfen Autos Radstreifen eigentlich mitbenutzen? Radfahrstreifen, die mit einer durchgezogenen Linie markiert und blauem Radwegschild gekennzeichnet sind, sind Radwegen rechtlich gleichgestellt und dürfen von Autos nicht befahren werden. Anders ist es bei Schutzstreifen, die durch eine gestrichelte Linie markiert sind. Autos dürfen bei Bedarf dahin ausweichen. Parken dürfen sie dort aber nicht. Schutzstreifen finden sich in der Regel in Straßen, die für Radfahrstreifen zu schmal sind.