Herner Griechen leiden mit

Jonas Erlenkämper
Chris Kougioumtzidis (48) kam als Zweiähriger nach Deutschland. Der Imbissbesitzer über die Situation in seiner Heimat

Wanne-Eickel. Seit Beginn der Eurokrise beherrscht Griechenland die Schlagzeilen. Der Ton wird immer rauer: Deutsche Politiker werfen den Griechen Spar-Unwilligkeit vor, in Griechenland kursieren Nazi-Vergleiche. Vielen in Herne lebenden Griechen macht das schwer zu schaffen. Chrisostomos Kougioumtzidis (48) aus Röhlinghausen sagt: „Das geht einem an die Nieren.“ Der WAZ erzählte der Imbissbesitzer, der als Chris Alexandros als Schlagersänger auftritt, wie er die Diskussionen erlebt.

Herr Kougioumtzidis, seit wann leben Sie in Deutschland?

Kougioumtzidis: Seit meinem zweiten Lebensjahr. Mein Vater war schon vorher als Bergmann hierhin gekommen und hat uns dann nachgeholt. Zuerst haben wir in einem Auffanglager in Bochum gelebt, sind dann aber schnell nach Röhlinghausen in die Zechensiedlung an der Hordeler Straße gezogen. Da gab’s noch Plumpsklos auf dem Hof. Für uns Kinder war das der Horror, nachts raus zu müssen.

Was denken Sie, wenn Sie heute lesen und sehen, was in Ihrem Geburtsland passiert?

Das ist grauenhaft, in Griechenland herrscht ein Kampf ums Überleben. Ich habe vor kurzem erst gehört, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder an wohlhabende Familien abgeben, weil sie selbst sie nicht durchbringen können. Klar kann man sagen, dass die Griechen selbst schuld an ihrer Situation sind, aber sie hatten nun mal die Möglichkeit, lange Zeit diesen Lebensstandard zu haben.

Wie geht es Ihren Verwandten in Griechenland?

Meine Familie kommt aus dem Ort Drama, nördlich von Saloniki. Meine Onkel arbeiten bei so einer Busgesellschaft wie Anton Graf, denen geht’s ganz gut. Probleme haben aber vor allem Taxifahrer, Kleinstunternehmer, also die ganzen Geringverdiener. Ich bin mir sicher, dass da noch die Fetzen fliegen werden. Das Land muss weiter sparen, alles wird teurer, die Löhne werden knapper. Ich denke, über kurz oder lang werden die Griechen ihre Drachme wiederbekommen.

Werden Sie oft auf das Thema angesprochen?

Ich höre ständig dumme Sprüche: „Der nächste Griechenland-Urlaub muss aber umsonst sein, ihr habt ja jetzt genug Geld von uns bekommen.“ Wenn man das zum 20. Mal hört, geht einem das schon auf die Nerven. Ich denke mir dann: Bleib ruhig. Ich kenne viele andere Griechen in Herne, die leiden alle. Alles andere wäre einfach nicht menschlich.

Wie finden Sie es, dass Angela Merkel in griechischen Medien als Hitler karikiert und als „Nazi-Plage“ beschimpft wurde?

Das kriege ich einfach nicht in den Kopp, dass die Griechen so einen Hass auf Deutschland bekommen haben. Ich bin da auf europäischer Seite: Griechenland hat so viele Fehler gemacht, und wer Fehler macht, muss dafür gerade stehen. Du kannst nicht mit Mitte 50 in Rente gehen, auch Tote können keine Rente bekommen. Und jetzt schmeißen die auch noch Brandbomben. Die machen ihr eigenes Land kaputt, diese Idioten. Ich überlege jetzt, meine griechische Staatsangehörigkeit nach 48 Jahren aufzugeben. Das tut mir in der Seele weh.