Herner Büro für Barrierefreie Bildung stellt Technik vor

Im Büro für Barrierefreie Bildung in Hernetestete Hans-Jürgen Hopp (79) die neue Orcam.
Im Büro für Barrierefreie Bildung in Hernetestete Hans-Jürgen Hopp (79) die neue Orcam.
Foto: Foto: Tabea Beissert
  • Ein neues Hilfsmittel soll blinden Menschen das Lesen ermöglichen
  • Durch eine Brille werden Seiten abfotografiert und vorgelesen
  • Die Kosten werden aber nicht von der Krankenkasse übernommen

Herne..  Hans-Jürgen Hopp ist mit sechs Jahren im Krieg erblindet. Trotzdem liest der 79-Jährige gern in der Zeitung und hat bis vor einem halben Jahr als Rechtsanwalt gearbeitet. Pflegerin Chanphen Hilgemann unterstützt Hopp im Alltag. „Ich lese viel vor“, sagt sie. Das könnte jedoch bald ein Ende haben. Ein neues Hilfsmittel, die „Orcam“, soll es möglich machen. Das Büro für Barrierefreie Bildung (BF Bildung) hat die Kamera am vergangenen Freitag vorgestellt.

Das in Israel entwickelte und seit September erhältliche Gerät sei eine Innovation, sagt Tanja Janatzek, Mitarbeiterin des Herner Unternehmens BF Bildung. „Die Orcam ist eine intelligente Kamera und wird am Brillenbügel befestigt“. Janatzek setzt die Brille mit der Mini-Kamera einem Kunden auf. Sie hält ihm ein Buch vor das Gesicht und bittet ihn, den Finger vor die Augen zu heben. „Klick“, macht die Kamera, speichert das Foto und beginnt wenige Sekunden später, den Buchtext vorzutragen. „Das intelligente System reagiert auf Gesten“, so Janatzek.

Blinde Menschen können weitestgehend autonom leben

Neu sei vor allem, dass die Vorrichtung so kompakt sei. Stationäre Vorlesegeräte gebe es schon lange, doch seien diese meist sperrig und an einen Computer gebunden. Wer das mobile Gerät trage, könne nun auch unterwegs lesen, etwa im Park. „Das ist eine tolle Erfindung“, sagt Antje Schwarz. Die 46-Jährige nutzt bislang vor allem die Sprachausgabe am Computer und hört Hörbücher mit einem speziellen CD-Spieler. Die technischen Hilfsmittel würden ihr das Leben deutlich erleichtern, sagt Schwarz. Dank ihnen könne sie weiterhin als Bürokauffrau arbeiten.

Mit den entsprechenden Geräten könnten sehbehinderte und blinde Menschen weitgehend autonom leben, sagt Tanja Janatzek von BF Bildung. Für viele Alltagssituationen gebe es das passende Gerät, den „Einkaufsfuchs“ zum Beispiel. Der kleine, bunte Kasten erkennt die Strichcodes von 14 Millionen Produkten. Farberkennungsgeräte etwa unterstützen blinde und Menschen mit Sehbehinderung, sich eigenständig einzukleiden. Die Krankenkassen würden die Kosten für die recht teure Technik oft übernehmen.

Krankenkassen zahlen nicht immer

Die 3390 Euro für den Einkaufsfuchs etwa zahlten viele vollständig. „Die Orcam übernehmen die Kassen leider nicht“, so Janatzek. Der Hersteller habe keine Hilfsmittelnummer dafür beantragt. 2600 Euro kostet das Gerät mit Texterkennung, 3700 Euro, wenn es auch bis zu 150 Produkte und Gesichter erkennen soll. „Man kann mit dem Gerät trainieren, sodass es die biometrischen Daten von Gesichtern speichert.“ Begegne man einer Person, nenne es den entsprechenden Namen.

„Wenn ich es nicht teuer bezahlen müsste, würde ich die Orcam sofort nehmen“, sagt Hans-Jürgen Hopp. Die Kamera sei angenehm und leicht zu tragen – mit ihr könnte er seine Briefe alleine lesen. Bis er selbst eine Orcam zu Hause hat, höre er aber weiterhin gern seiner Pflegerin Chanphen Hilgemann zu, so Hopp.

>> HINTERGRUND: DAS BÜRO FÜR BARRIEREFREIE BILDUNG

Das Büro für Barrierefreie Bildung mit Sitz an der Westfalenstraße 11 verkauft Hilfsmittel für sehbehinderte und blinde Menschen. Zudem bietet das Unternehmen Schulungen zum Umgang mit der Technik an sowie Trainingsmaßnahmen für den Arbeitsplatz.

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