Herne wird Hochschulstandort

Vertragsunterzeichnung (v.li.): Melanie Bittersmann, Christian von der Heyden (FHM), Michael Bergmann und Thomas Brechtken (alle Berufskolleg).
Vertragsunterzeichnung (v.li.): Melanie Bittersmann, Christian von der Heyden (FHM), Michael Bergmann und Thomas Brechtken (alle Berufskolleg).
Foto: FUNKE Foto Services
Von der Industrie- zur Studienstadt: Eine private Hochschule ermöglicht zum nächsten Wintersemester ein Bachelor-Studium in Herne.

Herne.  Die Bildungsdezernentin betonte die historische Dimension. „Endlich ist Herne ein Hochschulstandort“, sagte Gudrun Thierhoff am Dienstag während der Vertragsunterzeichnung im Mulvany-Berufskolleg. „Bisher waren wir die einzige Großstadt in der Region ohne Hochschule.“ Um das klar zu sagen: Auch künftig wird die Bahnhofstraße kein Studentenviertel sein. Doch ab dem Wintersemester 2015/16 können Studierende in Herne ihren Bachelor of Arts (B.A.) in Betriebswirtschaftslehre machen – zumindest symbolisch ein bedeutender Schritt für diese alte Industriestadt.

Der am Dienstag unterschriebene Vertrag besiegelt eine Kooperation zwischen dem Berufskolleg am Westring und der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstands. Es geht um eine Art Fernstudium: Junge Leute mit kaufmännischer Ausbildung werden, so der Plan, von Mulvany-Lehrern unterrichtet, die Hochschule kontrolliert die Leistungen regelmäßig durch Klausuren. Dafür fallen Studiengebühren in Höhe von 175 Euro monatlich an. Nach vier Jahren Studium steht dann der Bachelor-Abschluss. Die private, staatlich anerkannte Hochschule arbeitet nach diesem Prinzip bundesweit mit 20 Städten zusammen – nun auch mit Herne.

Professor verspricht Klebe-Effekt

Der Bielefelder Professor Christian von der Heyden verspricht einen „Klebe-Effekt“: „Absolventen bleiben oft in der Stadt, in der sie studiert haben. Bisher sind der Herner Wirtschaft dadurch viele Talente verloren gegangen.“ Oberbürgermeister Horst Schiereck sieht in der Zusammenarbeit von Berufskolleg und Hochschule nicht nur ein „Angebot für Heimschläfer“, sondern eine Gelegenheit, Schulabgängern Aufstiegschancen zu ermöglichen. „Durch ein Studium in der eigenen Stadt sinkt die Hemmschwelle für bildungsferne Schichten. Manchen Eltern ohne akademischen Hintergrund ist es schwer zu vermitteln, dass ihr Kind in Heidelberg studieren soll.“

Herne ist bei Hochschulgründungen stets übergangen worden. Zuletzt vor knapp sechs Jahren, als die Landesregierung neue Fachhochschul-Standorte in den vergleichbar großen Revierstädten Mülheim, Bottrop und Hamm schuf. Seit Jahren erklingt aus Hernes Politik und Wirtschaft immer wieder die Forderung, auch zwischen Bickern und Börnig solle gelehrt und geforscht werden. Langsam scheinen sich die Bemühungen auszuzahlen, zuletzt siedelten sich Ableger der Ruhr-Uni Bochum und der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen in Herne an. Das neue Angebot am Westring kann laut Schiereck mit seiner persönlichen Atmosphäre werben: „Hier ist der Student kein Einzelkämpfer, sondern arbeitet in Kleingruppen.“

 
 

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