Herne und Wanne-Eickel teilten einst ein Imageproblem

Ralf Piorr
Das erste Derby nach der Städte-Ehe stieg am 13. April 1975 vor 12 000 Zuschauern im Stadion Wanne-Süd. Im Bild ein Zweikampf zwischen Uli Seidel vom DSC (l.) und dem Herner Paul Forsbach.
Das erste Derby nach der Städte-Ehe stieg am 13. April 1975 vor 12 000 Zuschauern im Stadion Wanne-Süd. Im Bild ein Zweikampf zwischen Uli Seidel vom DSC (l.) und dem Herner Paul Forsbach.
Foto: Peter Monschau
Aus Anlass des Derbys zwischen Westfalia Herne und DSC Wanne-Eickel am Samstag blicken wir zurück auf das, was Herne und Wanne-Eickel einst einte.

Herne.  Im Stadion Wanne-Süd fand sich am 13. April 1975 selbst in den Bäumen kein Sitzplatz mehr. DSC gegen Westfalia, das Top-Spiel der Verbandsliga und seit dem 1. Januar 1975 ein Stadtderby per Kommunalreform. „Sportlich ging es um den Aufstieg in die Zweite Bundesliga, aber es schwang mehr mit: ‚Sonne, Mond und Sterne / Scheiße über Herne!‘ Das galt nicht nur der Westfalia, das galt der ganzen Eingemeindung“, erinnert sich Uli Seidel, heute 69 Jahre alt. Damals lief er für den DSC auf.

12 000 Zuschauer. Wanne hatte mobil gemacht. Von wegen: „Herne 2“. Die Polizei hatte Tage vor dem Spiel die Zuschauer zur Besonnenheit aufgerufen. Der vorher als „Heitkamp-Klub“ durchaus misstrauisch beäugte DSC sprang auf der Beliebtheitsskala nach oben. „Der Verein hielt in den Augen der Leute den Namen Wanne-Eickel hoch und wurden damit zum Symbol der Stadt“, sagt Seidel heute.

Schlechtes Image

Dabei hatten die „frisch Vermählten“ mehr gemeinsam, als ihnen lieb war. Vor allem teilten sie ein massives Imageproblem. Herne wurde generell als trist und grau abstempelt, aber die Nachbarstadt traf es noch schlimmer. Alfred Hufeld, der letzte Oberstadtdirektor Wanne-Eickels, brachte es 1995 auf den Punkt: Wanne-Eickel war für viele „der Arsch der Welt“. Wollten Journalisten oder Redakteure etwas als besonders provinziell bezeichnen, also Klischee Kohlenpott, fiel zwangsläufig der Name der Bindestrich-Stadt. Ergebnis: schallendes Gelächter.

Allerdings war der fragwürdige Ruf nur eine Seite der Medaille; auch nach innen herrschten in der selbst ernannten „Badestadt im Ruhrgebiet“ eher zerrüttete Verhältnisse. Die Eickeler Pohlbürger fühlten sich als etwas Besseres und die Püttrologen in Röhlinghausen und Unser Fritz sahen sich notorisch stiefmütterlich behandelt.

Ein Mond, kein Sonnenschein

Sicher, es gab den umtriebigen Stadtarchivar Rudolf Zienius, der in seinem Heimatverein bekennende Wanne-Eickeler um sich scharte. Wie den Diplom-Ingenieur Enno Hesse. Der echauffierte sich bereits 1971 so über die „unanständigen Bemerkungen im Fernsehen gegenüber der Stadt Wanne-Eickel“, dass er sogar eine rechtliche Handhabe forderte.

Aber viele duckten sich auch weg. Helmut Hellwig, der als Briefträger und Landtagsabgeordneter in der Emscherstadt so gut wie alles mitgemacht hat, kennt für dieses Phänomen etliche Beispiele: „Nur wenige Bürger haben sich bekannt zu ihrem Wanne-Eickel, wenn sie in Spanien oder sonst wo Urlaub gemacht haben. Dann waren sie Bochumer oder Essener.“

Und auch Friedel Hensch und die Cypris leiteten keine Trendwende ein, wie der Journalist Wolfgang Berke bezeugt: 1966 auf dem Weg in den ersten Italien-Urlaub stoppen seine Eltern auf einem Parkplatz in Süddeutschland. Ein anderes Kind inspiziert das Kennzeichen der Berkes (WAN-S 50) und ruft: „Guck mal, Papa, die kommen vom Mond!“ Noch 40 Jahre später kommentierte Berke trocken: „Mann, was habe ich mich geschämt.“

Vom Lacher zum Kult

Der Wanne-Eickeler Heimatstolz köchelte nur auf einem bescheidenen Niveau. Aber als die Stadt durch die Kommunalreform zur Geschichte wurde, war die Zeit für ihre Neu-Erfindung gekommen. „Plötzlich“, so Helmut Hellwig, „haben die Wanne-Eickeler ihr Herz für Wanne-Eickel entdeckt.“

In den folgenden Jahrzehnten entstand so der identitätsstiftende Mythos Wanne-Eickel, gefügt aus Nostalgie und Trotz, umrankt von Folklore und Merchandise. Einige Verklärungen inbegriffen. Selbst der Schlager von Friedel Hersch wurde irgendwann zum „Kult“ erklärt. Genauso wie Eickel-Pils. Sollen sich doch die anderen schämen.

Das Spiel am 13. April 1975 zwischen DSC Wanne-Eickel und Westfalia Herne endete übrigens 2:2.

Das gemeinsame Feinbild einte 

Zur Verbesserung des Renommees hat das Wanner Presseamt einige Charme-Offensiven gestartet. Wie 1960: „Blickpunkt Wanne-Eickel“ erblickt das Licht der Welt, eine aufwändig gestaltete Illustrierte. „Es ist die Bürgerschaft selbst, die in dieser Form an die Öffentlichkeit tritt und sich gewissermaßen den Spiegel vorhält“, heißt es im Editorial. Die Antwort muss verhalten gewesen sein, denn nach nur einer Nummer wurde das Prestigeobjekt eingestampft.

Der Widerstand gegen den drohenden Verlust der Selbstständigkeit wurde in Wanne-Eickel ab 1972 von der „Bürgergemeinschaft e. V.“ mobilisiert. Im Vergleich mit den Herner Protesten (gegen die Eingemeindung nach Bochum) oder dem vom Unternehmer Klaus Steilmann initiierten Wattenscheider Volksaufstand letztlich nur ein laues Lüftchen. Ab 1974 fügte man sich dem Gedanken der „Vernunftehe“ mit Herne.

Nach 1975 kam es zu einer Neuinterpretation des Wanner Selbstverständnisses. Auch die zerstrittenen Ortsteile fanden nun zusammen und begruben untereinander das Kriegsbeil. Das gemeinsame Feindbild einte. Jugendarbeitslosigkeit, Industrieabwanderung, sinkende Kaufkraft, schlechtes Wetter. In der Wanner Wagenburg hatte man die Verantwortlichen schnell parat. Wer war schuld? Herne!

Seit den 1990er Jahren wird „Wanne-Eickel“ als Marke zunehmend positiv konnotiert. Die „Mondritter“, ein Aktivposten des bürgerschaftlichen Engagements in Wanne-Eickel, erklären ihre Heimatstadt sogar zum „Kult(ur)gut“.