Flucht des Forensik-Patienten bei Freigang in Wanne-Eickel hat Folgen

Foto: WAZ FotoPool
Die Flucht eines Forensik-Patienten bei einem begleiteten Ausgang in der Innenstadt von Wanne-Eickel sei ein „sehr ernst zu nehmender Vorfall“ und habe Konsequenzen zur Folge. Das sagt Axel Schröder-Bergstermann, Pflegedirektor der Einrichtung.

Herne.. Das Verschwinden habe Konsequenzen: Für den Patienten, dessen Lockerung nun „auf Null“ gesetzt worden sei, aber auch für die Klinik, die ihr Prozedere bei Freigängen überprüfe.

Zur Erinnerung: Am Donnerstag vergangener Woche hatte sich ein 52-jähriger psychisch kranker Straftäter, wegen Raubes verurteilt und in Bickern inhaftiert, am Nachmittag in einem Geschäft von seiner Begleitung „entfernt“, so der offizielle Sprachgebrauch beim Forensik-Träger Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) nach dem Vorfall; dann sei er „verloren gegangen“. Die Polizei habe den Patienten einige Stunden später „orientierungslos angetroffen“, hieß es weiter.

Unbeobachteter Moment

Der Mann, spricht Pflegedirektor Schröder-Bergstermann nun eine deutlichere Sprache, habe offenbar einen unbeobachteten Moment genutzt, „um die Beine in die Hand zu nehmen“. Möglicherweise sei das eine „impulsive Handlung“ gewesen. Nun werde der Vorfall aufgearbeitet.

Klar sei aber auch: Die Forensik wolle Lockerungen, sprich Freigänge für die Patienten, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Je mehr Freigänge, desto besser, sollten die Patienten – wenn möglich – doch wieder in die Freiheit entlassen werden.

Ausgänge gehören zum Alltag

Ausgänge, erklärt der Pflegedirektor, gehörten zum Alltag der Klinik und würden täglich in unterschiedlichen Konstellationen – mal in Einzel-, mal in Gruppenbetreuung – durchgeführt. In einem sehr langen und intensiv betreuten Prozess würden die Patienten auf ihre Lockerung vorbereitet, und nur jene dürften auch die Tore kurzzeitig verlassen, bei denen es Therapieerfolge ausdrücklich erlaubten. Zur Einordnung: Zwei Drittel der 90 Insassen hätten zurzeit gar keine Lockerung, und nur „eine Handvoll“ dürfe in 1:1-Betreuung vors Haus.

So auch der Geflohene. Bei ihm sei zuvor festgestellt worden, dass eine Lockerung wünschenswert sei, weil von ihm keine Gefährdung ausgehe. Die Flucht habe an dieser Einschätzung nichts geändert: „Es ist nichts passiert“, unterstreicht Schröder-Bergstermann, „und es wäre auch nichts passiert“. Gleichwohl habe der Mann wegen der Flucht sein Vertrauen zunächst verspielt. Der Pflegedirektor spricht sich im Gespräch mit der WAZ zudem gegen den CDU-Vorschlag aus, Patienten nur noch mit zwei Begleitern Ausgängen zu gewähren (die WAZ berichtete). Das sei nicht üblich in NRW und nicht nötig.

Vorfall stimmt nachdenklich

Der Vorfall stimmt auch Karsten Herbers „nachdenklich“. Der Pfarrer ist Beiratsvorsitzender der Forensik; das Gremium begleitet als Vertretung der Öffentlichkeit die Einrichtung kritisch. Dass bereits zwei Jahre nach Eröffnung ein Patient in einer 1:1-Begleitung verschwunden ist, will er nicht kommentarlos hinnehmen: „Da werden wir nachhaken.“

Und doch: Die Sicherheit in der Forensik werde „sehr groß geschrieben“, weiß der Diakonie-Pfarrer aus seinen Besuchen in der Einrichtung zu berichten; Angst vor Patienten auf Freigang habe er deshalb nicht. Auch deshalb nicht: Bevor Patienten in Bickern vor die Tür dürften, würden sie lange therapiert und „durchgeprüft“. Gebe es für einen Ausgang grünes Licht, gehe von Patienten „im Grundsatz her keine Gefahr mehr aus“. In diesem Zusammenhang stellt auch Herbers klar, dass Ausgänge zwingend nötig seien: „Es muss einen Testraum Freiheit geben.“

 
 

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