Explosiver Ausbruch gegen den Kulturbetrieb

Tanzen für die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks: Sefa Erdik,Shawn Halman und Patrick Seebacher.
Tanzen für die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks: Sefa Erdik,Shawn Halman und Patrick Seebacher.
Foto: Lena Hedermann/Pottporus
Scharfe Kritik am institutionalisierten Kulturbetrieb übt die Choreografin Patricia Noworol mit ihrem Tanzstück „?ickkultur“, das jetzt in den Flottmann-Hallen Premiere hatte.

Herne..  Patricia Noworol ist sauer. Sie will sich nicht den althergebrachten, genormten Traditionen der Kunst fügen. Sie will ausbrechen aus dem institutionalisierten Konstrukt Kunst, das sie als beengend empfindet. Doch bei der Suche nach ihrem eigenen Stil, dem Ausdruck ihrer Identität, werden ihr Steine in den Weg gelegt - Absage auf Absage erhält sie von Kuratorien, die sie um Fördermittel für ihre Produktion eines Tanztheaterstücks gebeten hat.

Dieser Eindruck ergab sich aus dem Tanzstück „?ickkultur“, das im Rahmen des Pottporus-Festivals am Freitag in den Herner FlottmannHallen Premiere hatte. Choreografin, Regisseurin und Tänzerin Patricia Noworol macht ihrem Ärger Luft, ohne sich vor Tabu- und Stilbrüchen zu scheuen. Mit kreischender Stimme brüllt sie zum Auftakt ins Mikrofon, um ihrer kleinen Revolution gegen gängige Tanzkunst den nötigen Einstieg zu geben. Das Schauspielhaus Bochum war das erste Ziel ihrer Wut, deren Mitarbeiterzahlen, Ausgaben und Fördermittel sie mit imposantem Stimmvolumen aufzählte. Dazu stellte einer der vier männlichen Tänzer des Stücks ihre Worte mit seinem Körper nach: staccato-artige Zuckungen gingen durch seinen Körper, während Noworol, in einen pinken Bademantel und Badeschlappen gekleidet, ins Mikrofon schrie.

Zwischen den Extremen

Der Exposition folgte ein Tanzstück, das sich durch den ständigen Wechsel zwischen schrill, laut und ungezogen zu still, besonnen und sinnlich auszeichnete. Im Einzeltanz völlig ohne Musik bewegte sich einer der Tänzer barfuß über die Tanzfläche; lediglich seine Schritte und Sprünge hallten dabei durch den Saal, so dass der Körperlichkeit und dem sinnlichen Ausdruck des Tanzes besondere Wirkung verliehen wurde. Dann wieder sprang Noworol selbst mit entblößten Brüsten zu Stroboskop-Licht und aus den Lautsprechern dröhnender Rockmusik vor das Publikum.

Ebenfalls aus der Reihe fiel Noworols direkter Dialog mit dem Publikum. Zwischen den beiden rund 30 Minuten dauernden Hälften des Tanzstückes trat sie vor den Zuschauerrang und bat um Rückmeldung: „Wer von ihnen hat das Gefühl, heute seine Kulturbildung bereichert zu haben?“ Begeisterter Jubel begrüßte diese Worte aus dem größtenteils jugendlichen Publikum.

Auch im zweiten Teil mischten sich Sprach- und Tanzelemente, stille und mit Musik unterlegte Tanzeinlagen. In schrillen Kostümen tanzten die vier Tänzer und Noworol eine Hip Hop-Choreografie, dann las Noworol die Absage-Briefe der Kuratorien vor.

Dass Noworol mit ihrem kunstkritischen Ärger genau den Nerv des Publikums getroffen hatte, zeigte sich nochmals nach der Vorstellung: mit Standing Ovations und tosendem Applaus endete der Abend.

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