Eintauchen in eine fremde Welt

Jennifer Kalischewski
Hier ist mein Standort: Das Rollenspiel findet im Kopf statt und hat mit den üblichen Brettspielen nichts gemein. Foto: Winfried Labus / FotoPool
Hier ist mein Standort: Das Rollenspiel findet im Kopf statt und hat mit den üblichen Brettspielen nichts gemein. Foto: Winfried Labus / FotoPool
Foto: Winfried Labus / FotoPool
300 bis 400 Rollenspieler kamen am Wochenende im Herner Spielezentrum zusammen. einige tauchten non-stopp für 48 Stunden in die Fantasiewelt ein.

Herne. Ein Gasthaus irgendwo in Gareth, der größten Metropole Aventuriens: Gilborn Brohm betritt den Schankraum. Der Fuhrmann knallt seine Peitsche auf den Tresen. Er wünscht zu speisen und im sechs-Betten-Schlafraum zu nächtigen. „Hauptsache sauber und preiswert“, knurrt er durch geschlossene Zähne. Neben mehr oder weniger unscheinbaren Gästen befinden sich noch im Raum: der Fernhändler Uriel Sewerin, der Krieger Eros von Eoreff, die Graumagierin Adriana Lima, die Weißmagierin Elora Fuxfell und Taugenichts Alrik Waldheimer.

Diese Szene stammt nicht etwa aus einem Mittelalter-Film oder einem Fantasy-Buch. Sie spielte sich am Samstag im Herne der Gegenwart ab. Geschaffen hat die Szene Nicole Euler (31). Sie ist Spielleiterin einer siebenköpfigen Runde, die „Das Schwarze Auge“ (DSA) spielt. Denn von Freitag bis Sonntag trafen sich im Herner Spielezentrum Rollenspiel-Fans zur 48-stündigen Rollenspiel-Convention „Morpheus“.

Einmal im Jahr organisieren die „Herner Burg“ und die „Gilde der Fantasyrollenspieler“ zusammen mit dem Spielezentrum die Convention. „300 bis 400 Gäste sind am Wochenende hier“, schätzt Martin Kuhn (39) vom Morpheus-Organisationsteam. Schlafplätze gibt es im Gymnastikraum des Spielezentrums. „Es gibt tatsächlich Leute, die 48 Stunden durchspielen“, so Kuhn.

Etwa 20 verschiedene Spiele stehen bereit, zum Großteil Rollenspiele, aber auch Tabletops, also „Brettspiele“, bei denen statt eines Bretts der Tisch als Spielunterlage genutzt wird, und Kartenspiele – alle aus dem Fantasy-Sektor.

Überall im Spielezentrum sitzen diverse bunt gemischte Grüppchen zusammen und versuchen, ein Abenteuer zu bestehen oder ein Rätsel zu lösen. Mal erhebt jemand laut die Stimme, meist in altertümlich wirkender Sprache. Ob man einen Zauberspruch einsetzen darf oder ob der Schwertschlag erfolgreich ist, erwürfeln die zauberhaften Kreaturen und Figuren. Dabei schlüpfen die Spieler in die Rolle ihrer selbst geschaffenen Charaktere.

Im Garether Schankraum laufen derweil die ersten Unterhaltungen zwischen den Charakteren. Gilborn Brohm prostet dem Krieger Eros mit brummiger Stimme zu. Gilborn heißt im wahren Leben Christoph Gahbler. Seit 18 Jahren spielt der 36-jährige DSA. „In der heimischen Runde kennt man schon den Spielstil seiner Mitspieler. Hier lernt man neue tolle Ideen kennen und kann sie zu Hause einbringen“, sagt er. Das spannende an einer neuen Runde sei, dass die Spieler erst einmal zueinander finden müssten.

„Rollenspiel, das ist wie Lesen in einem Buch und es dabei selbst mitgestalten“, fasst Taugenichts Alrik alias Olaf Weyer (43) zusammen. Tatjana Rintisch (42), die Graumagierin, gefällt besonders, dass man im Team arbeiten muss. „Einzelgänger sein, das funktioniert in der Regel nicht“, betont sie. Außerdem spreche man nicht nur über das Spiel, sondern auch über alle möglichen alltäglichen Dinge. „Die Spieler sind alle so unterschiedlich, das erweitert den Horizont.“

Plötzlich unterbricht Euler, die Spielleiterin, die ruhigen Unterhaltungen: „Aber sie war doch meine Tochter!“, lässt sie einen verzweifelten Greis rufen. Alle Augen im Schankraum richten sich auf den Alten. Das Abenteuer in Gareth, so scheint es, kommt langsam in Fahrt.