Ein Prediger wider die Macht der Märkte

Foto: WAZ FotoPool / Olaf Ziegler
Der Schriftsteller Ingo Schulze besuchte die Künstlerzeche Unser Fritz. Mit seinen Worten verdeutlichte er, wie sehr er mit Deutschland fremdelt.

Wanne-Eickel..  Ingo Schulze nimmt mit ein paar Minuten Verzögerung Platz auf dem Podium. Neben ihm sitzt Gerd Herholz, der Leiter des Literaturbüros Ruhr in Gladbeck. Er hat Schulze eingeladen: Der Wahl-Berliner, der Anfang des Jahres mit seiner „Dresdner Rede“ für Aufsehen sorgte, soll in der Künstlerzeche über Demokratie und Frieden und soziale Gerechtigkeit sprechen. Schulze nimmt einen Schluck aus dem Bierglas.

Im Ausland „der Deutsche“

Er erzählt von einem Deja-vu. 1962 wurde er mitten in die DDR geboren. Nach dem Mauerfall fühlte er sich oft auf die Rolle des Ostdeutschen reduziert, der etwas zum Ost-West-Verhältnis sagen sollte. Neulich war er zu einer Lesung in Portugal, und dort habe er als „der Deutsche“ sich rechtfertigen sollen für Merkels Haltung zur Eurokrise. Ausgerechnet Schulze, der sich an der Bundeskanzlerin regelrecht abarbeitet. „Frau Merkel spricht von marktkonformer Demokratie. Und plötzlich ist klar, wer das Sagen hat.“ Marktkonforme Demokratie, das sei eine „Analogie zu Putins ,gelenkter Demokratie’“. Schulze verzweifelt über den Politiker-Sprech, er empfindet ihn als hohl, mitunter auch als verschleiernd. „Politiker reden vom Primat der Politik, aber einen Satz weiter heißt es dann, ,wir müssen die Märkte beruhigen’.“ Er fordert: Demokratiekonforme Märkte statt marktkonformer Demokratie!

Seit er 27 ist, lebt er in der Bundesrepublik. Er war Theaterdramaturg und Zeitungsredakteur, hat Preise bekommen und Aufmerksamkeit erhalten. Doch die Euphorie der nach-Wende-Zeit ist verflogen, Ingo Schulze fremdelt mit der BRD. Er hat auch mit der DDR gefremdelt. „Warum müssen Ärzte Unternehmer sein?“, fragt er die vielleicht 30 Zuhörer in Unser Fritz. Und warum, wundert er sich, ist es selbstverständlich, auf Hartz-IV-Empfänger zu schimpfen, sie als als faule Dauer-Fernseher zu diffamieren?

Das Ende der DDR kam mit dem Aufstand des Volkes. Welche Konsequenz zieht Schulze aus seiner Unzufriedenheit mit Deutschland im Herbst 2012? „Es gibt eine Mehrheit jenseits von CDU und FDP, es ist nur die Frage, was man draus macht.“ Er hat die Linkspartei als Koalitionspartner im Sinn, will sich aber politisch nicht verorten lassen: „Es geht um Demokratie, um soziale Gerechtigkeit, das hat nichts mit links und rechts zu tun.“

Nach zwei Stunden leert er sein Glas, das Bier muss inzwischen schal sein. „Tschuldigung“, sagt er, „ich komm immer ins Predigen.“

EURE FAVORITEN