Ein „Nein“ lässt die Luft vibrieren

Für Frauen aus dem Frauenhaus fans ein Selbstverteidigungskurs bei Bushikan statt. Sonja Klimke (li) zeigt, wie es geht. Foto:Kirsch
Für Frauen aus dem Frauenhaus fans ein Selbstverteidigungskurs bei Bushikan statt. Sonja Klimke (li) zeigt, wie es geht. Foto:Kirsch
Foto: WAZ FotoPool
„Und jetzt wird’s ekelig“, sagt Sonja Klimke (45) und zieht vielversprechend die Augenbrauen ein Stückchen nach oben. Die Kampfsportmeisterin vom Herner Kampfsportzentrum Bushikan e.V. übertreibt nicht. Bei den folgenden Übungen zeigt sie ihren Kursteilnehmerinnen, wie man einen möglichen Angreifer mit einem gezielten Griff ins Gesicht abwehren kann – zum Beispiel, indem man mit viel Druck die Finger gegen den Mund des Angreifers presst, den Handballen von unten gegen seine Nase oder beide Daumen fest in die Augenhöhlen drückt.

Herne.. „Das macht man bei Fremden nie gerne, aber auch für den anderen ist es äußerst unangenehm“, so Klimke.

Unter dem Motto „Trau Dich, NEIN zu sagen“ fand am Samstag bei Bushikan ein spezieller Selbstverteidigungskurs für jetzige und ehemalige Bewohnerinnen des Herner Frauenhauses statt. Sieben Frauen nahmen die Gelegenheit wahr, einfache, effektive Selbstverteidigungstechniken kennenzulernen. „Fast noch wichtiger“, betont Klimke, „ist mir aber, dass die Frauen die Erkenntnis erlangen, dass sie jemand sind, und dass sie viel stärker sind, als sie meinen.“

Die Themen Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung nehmen deshalb einen großen Anteil an dem Tagesworkshop der Kampfsportmeisterin ein. „Wir machen Übungen zur Körpersprache, trommeln gemeinsam – und üben, nein zu sagen“, erläutert sie.

Trommeln im Selbstverteidigungskurs? Wozu das denn? Sonja Klimke demonstriert, wie leise das „Nein“ der Teilnehmerinnen vor dem Trommeln geklungen habe: zurückhaltend, verängstigt. Nach dem Trommeln jedoch habe sich das grundlegend geändert. Noch einmal ruft sie laut „nein“. Diesmal allerdings kommt das Wort aus tiefstem Herzen, kräftig, mit Nachdruck, so dass man meint, die Luft vibriere. „Ich kann’s auch nicht richtig erklären, aber die Teilnehmerinnen sind anschließend irgendwie gelöst“, so Klimke. Die 30-jährige Teilnehmerin Katrin* (* Namen von der Redaktion geändert) bestätigt das. Der Kurs ist noch nicht zu ende, aber schon jetzt sagt sie: „Das, was wir hier lernen, stärkt das Selbstbewusstsein, man lernt, sich nicht in die Opferrolle drängen zu lassen.“ Melanie (38) nickt und ergänzt: „Ich hoffe, sicherer aufzutreten. Das fehlt mir schon sehr. Wenn ich merke, jemand ist sicherer als ich, bin ich schnell unten.“ Und nicht nur Selbstbewusstsein nehmen die Teilnehmerinnen mit nach Hause. „Hier wird viel gelacht“, freut sich die 25-jährige Selly*, „die Bewegung tut gut und man kann den Stress mal hinter sich lassen.“ Die Frauen lernen viel. Dennoch: „Der ultimative Selbstschutz ist damit nicht gegeben“, so Kursleiterin Klimke. Es sei immer etwas anderes, Abwehrbewegungen langsam auf der Matte zu üben, als sie in der Realität anzuwenden. „Das muss man trainieren“, stellt Klimke klar. Und das ist den Frauen durchaus bewusst, haben sie doch alle Erfahrungen mit häuslicher oder sexueller Gewalt gesammelt. Wie die meisten der Teilnehmerinnen, will deshalb auch Gamse* (33) in Zukunft einen regulären Selbstverteidigungskurs bei Bushikan besuchen. „Nicht nur ich, auch meine drei Kinder sollen hierher kommen“, betont sie.

 
 

EURE FAVORITEN