Ein „Dorf“ in der Großstadt

Vor zwei Jahren zogen die ersten Mieter ein - und sind heute froh, dass sie sich damals für diese Wohnform entschieden haben.
Vor zwei Jahren zogen die ersten Mieter ein - und sind heute froh, dass sie sich damals für diese Wohnform entschieden haben.
Foto: WAZ FotoPool / Olaf Ziegler
Vor zwei Jahren zogen die ersten Mieter in das Mehrgenerationenhaus an der Straße des Bohrhammers ein. Seitdem hat sich aus einzelnen „Mietparteien“ eine Gemeinschaft entwickelt - was auch Ziel des Projekts ist.

Herne.  Exakt vor zwei Jahren sind sie eingezogen, die ersten Mieter der Straße am Bohrhammer 3, unweit der Flottmann-Hallen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wenn Mieter ein neues Gebäude beziehen, doch dieses Haus ist kein Haus wie jedes andere: Es ist das erste in Herne, das gezielt für das gemeinsame Wohnen mehrerer Generationen konzipiert wurde und obendrein einen ökologischen Ansatz verfolgt.

Ebenfalls ungewöhnlich: Hinter dem Projekt steht mit dem Wohnungsverein Herne e.G. eine Genossenschaft, die der Mietgemeinschaft die Freiheit der Selbstverwaltung gibt. So kann die Mietergemeinschaft zum Beispiel entscheiden, ob die Bewohner Flur und Treppenhaus selber putzen oder von einer Firma putzen lassen oder wie der 3000 Quadratmeter große Garten angelegt und gepflegt wird. Und: Sie entscheiden darüber, wer als neuer Mieter in das Haus passen könnte.

Selbstverwaltung

Diese Selbstverwaltung hat sich bis jetzt bewährt und mit dazu beigetragen, dass die aktuell 58 Bewohner in dem um einen Innenhof in U-Form angelegten Gebäudekomplex wie in einer kleinen Dorfgemeinschaft leben: Man kennt sich, achtet aufeinander, nimmt Anteil und trägt seinen Anteil zur Gemeinschaft bei.

Aber ist das nicht vielleicht zu viel der Nähe? „Wir haben ja unsere eigenen Wohnungen und können die Tür hinter uns schließen“, sagt Ingrid Richter. Und Margret Schäde fügt hinzu: „Die Wohnungen sind so gut gedämmt, da hört man nichts, was man nicht hören will.“

Die gute Dämmung hängt unter anderem damit zusammen, dass das Gebäude ein Passivhaus ist, das eigenen energetischen Regeln unterliegt. Für manchen gewöhnungsbedürftig, denn länger geöffnete Fenster sind tabu: „Sonst funktioniert das ganze System nicht mehr“, sagt Ingrid Richter - und wenn die Gemeinschaft nicht an einem Strang zieht, kippt das komplizierte Gefüge.

Wer also in das Haus Am Bohrhammer 3 einzieht, hat sich nicht für eine x-beliebige Mietwohnung entschieden, sondern eine bewusste Entscheidung getroffen. So wie Andreas Brondke, Vorsitzender des Vereins Wohnen in Gemeinschaft: Als Vater zweier Söhne, die inzwischen elf und 13 Jahre alt sind, suchte er eine Wohnung in einem Umfeld, in dem Kinder nicht als störend, sondern als Bereicherung empfunden werden; oder so wie die Eheleute Margret und Ulrich Schäde, das „älteste Ehepaar im Haus“, wie sie schmunzelnd sagen: Sie wollten unbedingt mit Menschen unterschiedlichen Alters zusammenwohnen, gerne auch mit Kindern: „So beschäftigt man sich doch mit ganz anderen Themen, wir sind hier mehr im Leben und bleiben länger jung“, sagt Ulrich Schäde.

Freude über das erste Baby

Besonders freuen sie sich über die Geburt des ersten Babys im Februar dieses Jahres, über dessen Entwicklung sich alle mitfreuen. Neun der aktuell insgesamt 58 Bewohner der Anlage sind Kinder, ein paar mehr könnten es gerne sein, meint die Runde einhellig, die sich da an diesem Morgen zum Gespräch mit der WAZ getroffen hat.

Keiner von ihnen bedauert, in das Mehrgenerationenhaus gezogen zu sein. Im Gegenteil. Sie schätzen den generationsübergreifenden Austausch, die Möglichkeit sich zu treffen, sei es auf den Laubengängen, im gemeinsamen Waschraum, in einem der beiden Gemeinschaftsräume; und sie packen gemeinsam an, wenn etwas zu erledigen ist, wie beim einmal im Quartal angesetzten „Hand- und Spanntag“, wenn alle mit anspannen, um Arbeiten zu erledigen, die sonst liegen bleiben. „Sie sollten dann mal kommen“, lacht Peter Pochodzala, „und sich das Gewusel hier ansehen!“

Die Altersstaffelung ist festgelegt: Ein Drittel der Bewohner soll bis 40 Jahre alt sein, ein Drittel 40-60, ein Drittel darüber.

Wohnungen gibt es in den Größen von 40 qm für Singles bis zu 99 qm für Familien.

Sämtliche Wohnungen sind barrierefrei.


Als Passivhaus kommt das Gebäude ohne klassische Heizanlage aus, den Energiebedarf decken weitgehend passive Quellen wie Sonne und Abwärme.

 
 

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