„Die Gesellschaft ist auch in Herne in Schieflage geraten“

Susanne Wolf wünscht sich mehr Menschen, die ohne gehobenen Zeigefinger helfen.
Susanne Wolf wünscht sich mehr Menschen, die ohne gehobenen Zeigefinger helfen.
Foto: WAZ FotoPool / Olaf Ziegler
Susanne Wolf die Geschäftsführerin der Schuldnerberatung Herne, beklagt, dass die Gesellschaft in eine Schieflage geraten ist und sich manche Menschen bei Problemen hinter fehlender Zuständigkeit verstecken. Sie wünscht sich Menschen, die ohne den gehobenen Zeigefinger helfen.

Herne.  Auch wenn an diesem Wochenende womöglich Wärmerekorde geknackt werden, ändert das nichts an der Tatsache: Die kalte Jahreszeit wird kommen. Susanne Wolf, Geschäftsführerin der Schuldnerberatung Herne, macht sich Sorgen, dass im kommenden Winter immer mehr Menschen in ihren eigenen Wohnungen obdachlos sind, weil sie wegen Energiesperren weder Strom noch Wärme haben. Im Gespräch mit WAZ-Redakteur Tobias Bolsmann spricht Wolf auch über soziale Kälte.

Früher gab es die Ansicht, dass in Deutschland niemand hungern und frieren müsse. Stimmt es noch?

Wolf: Nein. Seit Einführung des Arbeitslosengeldes II ist das Auskommen nicht mehr gesichert. Sobald Reserven, wie Mobiliar und Kleidung nicht mehr vorhanden sind wird es schwierig. Das kann soweit gehen, dass sich Familien entscheiden müssen, ob sie heizen oder etwas essen. Die Folgen dieser Gesetzgebung sind dramatisch. Aufgrund der Perspektivlosigkeit erleben wir in unserer Beratung eine massive Zunahme von psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen. Die Menschen haben Angst die Wohnung zu verlassen, sie gehen nicht mehr zum Arzt oder zu Behörden. Darüber hinaus, sehen wir immer mehr Senioren in Schwierigkeiten. Sie kommen wegen ihrer Immobilität nicht mehr aus dem Haus, kommen nicht zur Tafel, zur Kleiderkammer oder in die Beratungsstelle. Die ganze Gesellschaft ist in eine Schieflage geraten. Und Herne gehört dazu.

Diese Schieflage müssen Sie näher erläutern.

Menschen, denen es gut geht, versuchen sich von jenen, die Schwierigkeiten haben, abzuschotten. Das geschieht mit den üblichen Argumenten und Schuldzuweisungen wie „Wer arbeiten will, findet auch welche“ oder „Ja, wenn die nicht mitwirken, kann man nichts machen.“ Es greift eine zunehmende Ausgrenzung um sich. Das fängt schon in der Schule an.

Was entgegen Sie, wenn Sie mit dieser Art von Vorurteilen konfrontiert werden?

Die Ursache für ein Abrutschen in Armut kann vielfältig sein. Krankheit, Unfall, der Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidung. Selbst die Geburt eines Kindes kann zu existenziellen Problemen führen. Und es macht mich wütend, wenn angesichts von Problemen an manchen Stellen auf Zuständigkeiten verwiesen wird und sich Mitarbeiter dahinter verstecken. Ich wünsche mir Menschen, die nach Lösungen suchen und helfen. Und alles ohne den erhobenen Zeigefinger. Um es klar zu sagen: Armut kann jeden treffen!

Ein Beispiel, dass es jeden treffen kann, wurde vor wenigen Tagen in einem Spielfilm aufgearbeitet. Das Schicksal der Schleckerfrauen. Haben Sie den Film gesehen?

Nein, ich habe mich ein wenig gedrückt, weil wir einzelne Fälle in der Beratung hatten. Das waren alles traurige Schicksale. Nach Schlecker ging es von Job zu Job. Und jeder war schlechter bezahlt. Am Ende stand die Arbeitslosigkeit. Es ärgert mich immer noch, dass Politik und Gewerkschaft in diesem Fall nicht genug unternommen haben.

Bei so vielen Negativerlebnissen. Was macht Ihnen Mut? Gibt es nichts Positives?

Doch. Die kommunale Politik ist ein ausgesprochen guter Partner und immer zu Gesprächen bereit. Und ich bin dankbar, dass wir Menschen haben, die uns verlässlich mit Spenden bedenken. So können wir zu Weihnachten wieder einige Familien mit Speisen und Körperpflegeprodukten beschenken.

 
 

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