Der Brötchen-Kampf tobt auf der Bahnhofstraße in Herne

Andreas Bartel
Brötchen gibt es auf der Bahnhofstraße buchstäblich an jeder Ecke.
Brötchen gibt es auf der Bahnhofstraße buchstäblich an jeder Ecke.
Foto: WAZ FotoPool
Wie Pilze schießen in Herne Bäckereien aus dem Boden. Erst kürzlich haben zwei Selbstbedienungs-Bäcker neu eröffnet. Der Bäcker-Innung sind die Billigheimer ein Dorn im Auge. Die Billig-Ketten kaufen ihre vorgebackenen Teiglinge tiefgekühlt, zum Teil aus Osteuropa, und backen sie vor Ort nur auf.

Herne. Auf der Bahnhofstraße tobt der Brötchen-Kampf. Billig-Bäcker schießen fast wie Pilze aus dem Boden. Mit Backwerk und Brödis haben jetzt zwei neue „SB-Bäckereien“ auf der oberen Bahnhofstraße eröffnet – direkt gegenüber voneinander.

SB heißt Selbstbedienung. Das senkt Personalkosten und Preise – zur vermeintlichen Freude der Verbraucher, die ihren Hunger auf Backwaren in der City gleich an acht Standorten stillen können. Wer dort nicht satt wird, findet in Supermärkten und Tankstellen eine Brötchentheke. Selbst die Discounter sind auf den Hefe-Zug aufgesprungen und bieten Aufgebackenes in ihren Märkten an.

Der Bäckerinnung ist die Discountware ein Dorn im Auge. Sie habe mit einem richtigen Brötchen kaum etwas zu tun. „Das sind keine Bäcker, sondern Einzelhändler“, sagt Peter Karst, Geschäftsführer der Bäckerinnung Ruhr. „Die haben keine Ahnung vom Produkt, sondern kennen nur die Bedienungsanleitung“, ärgert sich Karst.

Die Kühlung macht den Unterschied

Die Billig-Ketten kaufen ihre vorgebackenen Teiglinge tiefgekühlt, zum Teil aus Osteuropa, und backen sie vor Ort auf. Auch die großen deutschen Filialisten backen in ihren Läden auf, doch die Teiglinge seien maximal 24 Stunden alt und würden nie bei weniger als sieben Grad gekühlt, erklärt Innungs-Obermeister Hans-Reiner Auffenberg. So könne der Teig länger ruhen und die Aromen ihre Wirkung besser entfalten. „Wir setzen die Kälte zur Verbesserung der Qualität ein, die Discounter für ihre Vertriebswege.“

Handgemachte Ware vom Bäckermeister um die Ecke gibt es kaum noch zu kaufen, alteingesessene Betriebe haben es zunehmend schwer; nur noch vier produzieren heute in Herne. „Der Druck ist schon groß, das spüren wir ganz eindeutig“, sagt Marc Sponheuer, Inhaber der gleichnamigen Bäckerei. 28 Cent kostet ein Brötchen bei ihm, fast doppelt so viel wie beim Discounter. „Damit müssen wir klar kommen und unsere Nische suchen“, sagt Sponheuer und will mit Service, Sonderanfertigungen und Qualität punkten. Zumal: „Ein gut belegtes Brötchen bekommen Sie woanders auch nicht günstiger“, sagt Sponheuer.

Ein Viertel des deutschen Brots wird in NRW produziert

Am Ende entscheidet der Verbraucher, wo es ihm am besten schmeckt. Traditionelle Bäckereien werden vermehrt kleinere Brötchen backen und müssen versuchen, den Konkurrenzkampf in lokalen Nischen zu überleben. Immerhin: Der Markt ist riesig. Laut statistischem Landesamt IT.NRW wurden 2012 in NRW fast 1,2 Millionen Tonnen Brot und Brötchen hergestellt – ein Viertel der gesamtdeutschen Produktion. Betriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern gar nicht mitgezählt. Brötchen backen ist zum Milliardengeschäft geworden – siehe Bahnhofstraße.

Elisabeth Röttsches, Vorsitzende der IG Herne-City, sieht den Brötchen-Kampf auf der Bahnhofstraße noch recht gelassen: „Wir haben Gott sei Dank noch viele alteingesessene Bäcker, die mit hoher Qualität aufwarten. Viele Kunden schmecken den Unterschied.“ Jens Rohlfing, Sprecher der Werbegemeinschaft Wanne-Mitte, vermisst dagegen „Bäcker klassischer Prägung“. Immerhin bringe ein türkischer Bäcker ein wenig Abwechslung ins Sortiment.

Handy-App für Baguettes nach Wunsch kommt 2014

Wie hart der Konkurrenzkampf um das tägliche Brötchen ist, zeigt auch die Tatsache, dass in Wanne im letzten Jahr zwei SB-Bäcker wieder schließen mussten. Brödis setzt deshalb verstärkt auf Snacks und Fast-Food, wie Bernd Schröder, Filialleiter auf der Herner Bahnhofstraße, sagt: „Wir haben mehrere Standbeine und versuchen, den Kunden immer etwas Neues zu bieten.“

Schröder bietet neuerdings Pizza zu Spottpreisen an, Bratwurst und Pommes sollen folgen, nächstes Jahr auch Baguettes, die Kunden vorab per Smartphone-App nach ihren Wünschen bestellen können. Im Gegensatz zu anderen SB-Bäckern arbeite man mit Frischeware, betont Schröder: „Von der Qualität können wir mehr als mithalten – aber zur Hälfte des Preises. Das ist unschlagbar.“