Das Symbol des Alterns

Uwe Renner vom Sanitätshaus Amberg mit einer Rollator-Auswahl.
Uwe Renner vom Sanitätshaus Amberg mit einer Rollator-Auswahl.
Foto: WAZ Fotopool Klaus Hartmann
Wollte man das große Thema der gesellschaftlichen Alterung in einem einzigen Symbol konzentrieren, dann eignete sich dieses: der Rollator. Die Zahl der Exemplare steigt.

Herne..  Wollte man das große Thema der gesellschaftlichen Alterung in einem einzigen Symbol konzentrieren, dann eignete sich dieses: der Rollator.

Die Gehhilfen gehören in Herne, das mit seiner Bevölkerungsstruktur so etwas wie Modellcharakter beim demografischen Wandel hat, inzwischen zum gewohnten Straßenbild. Einer der großen Discounter bietet seit Mittwoch einen Rollator an, beim Konkurrenten gab es ihn einige Wochen zuvor.

Recht hoch wird die Rollatordichte im City-Center. Dafür mag es zwei Gründe geben: Einerseits ist der glatte Fußboden dort gut zu befahren, andererseits ist dort eine Filiale des Sanitätshauses Amberg. Uwe Renner, Leiter der Reha-Technik bei Amberg, kann Kunden eine ansehnliche Auswahl präsentieren. Am unteren Ende der Skala findet sich das Standard-Modell, ein Stahlgestell, rund zwölf Kilogramm schwer, faltbar, mit Halterung für einen Gehstock. Die Kosten hierfür sind in aller Regel durch die Krankenkassen gedeckt.

Trend zum Zweit- und Dritt-Rollator

Am anderen Ende der Skala steht das Modell Troja der Marke Topro. Es wiegt lediglich siebeneinhalb Kilogramm - für Menschen, die älter als 70 Jahre sind, ist Gewicht bei der Kaufentscheidung durchaus ein Faktor. Außerdem verfügt der „Troja“ über eine blickdichte Tasche, Vollgummireifen (für Kopfsteinpflaster). Und ähnlich wie bei einem Auto kann man diverse Sonderausstattungen haben, etwa einen Becherhalter. Zwar steigt der Preis dann schon mal bis über 400 Euro, aber viele Kunden sagen sich, „wenn schon ein Rollator, dann richtig“, hat Renner festgestellt. Generelle Tipps, worauf man beim Rollatorkauf achten sollte, hat Renner übrigens nicht. „Modell und Ausstattung hängen sehr stark von der Art der Beeinträchtigung ab“, sagt Renner.

Auch wenn die Zahl der Rollatoren steigt, für viele Menschen ist die Benutzung immer noch ein Tabu, weiß Thomas Appel. Der gebürtige Wanne-Eickeler beschäftigt sich mit seiner Unternehmensberatung seit Jahren mit Rollatoren und ist ein bundesweit anerkannter Experte. Es spricht davon, dass es in einigen Jahren mehr als zehn Millionen Rollatoren in Deutschland geben wird, inoffizielle Zahlen sprechen von einem Zuwachs von 400 000 Exemplaren 2012. Das liegt laut Appel daran, dass der Trend zum Zweit- oder gar Dritt-Rollator geht - Nummer zwei im Kofferraum, Nummer drei bei den Kindern. Das spart die Schlepperei. Der Rollator werde sich immer stärker zum alltagsunterstützenden Mobilitätsgefährt entwickeln, so Appel. Gerade das Ruhrgebiet und auch Herne sei ein starker und wachsender Markt. Wer weiß, vielleicht sind Rollatoren von Discountern mal genauso begehrt, wie vor einigen Jahren die Computer...

Mediziner sehen mehrere Nutzen

Eigentlich ist er immer für einen Scherz zu haben, doch in diesem Fall war es dem Medizinkabarettisten Dr. Ludger Stratmann ernst: Rollatoren würden viel zu früh eingesetzt. Dadurch verlören die Menschen ihr Gleichgewichtsgefühl.

Die Experten in Herne sind anderer Auffassung. Die Menschen hätten immer noch ein Schamgefühl, wenn sie den Rollator benutzen müssen, so Professor Ludger Pientka, Leiter der Klinik für Geriatrie am Marienhospital. Statistiken gehen davon aus, dass gerade Männer den Rollator scheuen, rund 70 Prozent der deutschen Nutzer sind Frauen. In den Niederlanden gehe man viel offener mit diesem Thema um, so Pientka. Erst wenn die Menschen sehen, was mit Rollatoren möglich sei, wachse die Akzeptanz.

Rollatoren seien ein geeignetes Hilfsmittel, um die Menschen wieder mobil zu machen, so Pientka, sei es nach einem Schlaganfall oder auf Grund einer Rheuma-Erkrankung.

Die Mehrzahl der Nutzer sei froh über einen Rollator, hat Professor Jürgen Braun, Leiter des Rheumazentrums Ruhrgebiet in Wanne, festgestellt. Mit ihm ließen sich Stürze vermeiden, darüber hinaus würden sie dazu beitragen, die Muskulatur wiederzugewinnen oder zu erhalten. Wichtig sei eine intensive Schulung vor dem Gebrauch, das Gerät müsse optimal eingestellt sein, da die Statik des Körpers mit der Nutzung eines Rollators verändert werde.

Zwar gebe es Patienten, die sich quasi eine Krankheit „zulegen“, um den Rollator als Statussymbol zu nutzen, doch das sei die große Ausnahme.

 
 

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