Das Haus sagt, wo’s lang geht

Wohnen in Gemeinschaft: Zum „Tag der Architektur“ am Wochenende führte Architekt Jürgen Köhne (Mi) durch das Haus  im Herner Süden. Foto Thomas Schild / WAZ FotoPool
Wohnen in Gemeinschaft: Zum „Tag der Architektur“ am Wochenende führte Architekt Jürgen Köhne (Mi) durch das Haus im Herner Süden. Foto Thomas Schild / WAZ FotoPool
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Zum Tag der Architektur ließen die Bewohner des Projekts „Wohnen in Gemeinschaft“ Besucher einen Blick hinter die Kulissen eines Gebäudes werfen, das den sozialen mit dem Energiespar-Gedanken verbindet.

Wer zur Probe wohnen will, zahlt 15 Euro pro Nacht. So viel kostet die Gästewohnung, und das ist ziemlich wenig, denn die Unterkunft hat alles, was man braucht: 35 Quadratmeter, kleines Schlaf- und etwas größeres Wohnzimmer, Küche und eine schöne Aussicht auf die Flottmannhallen.

Wenn der Sohn aus Süddeutschland anreist und Mutters Wohnung ein bisschen eng ist, kann er die Gästewohnung anmieten. So bekommen Besucher Einblicke in ein Haus, das einmalig ist in Herne und – zumindest hoffen das die Bewohner – die Zukunft des Wohnens repräsentiert. Das Tolle an dem Mehrgenerationenhaus in Herne-Süd sei, dass es gleich in doppelter Hinsicht Vorbildcharakter habe, sagte Architekt Jürgen Köhne, als er am Wochenende Besuchern die Anlage zeigte – Samstag und Sonntag war bundesweit „Tag der Architektur“. „Wir haben hier“, so Köhne, „zum einen ein Sozialprojekt, zum anderen ein Hochtechnologiehaus.“

Die Jungen und Alten, Paare und Familien leben an der Straße des Bohrhammers zwar alle in der eigenen Wohnung, aber eben doch gemeinsam. Alles wird in der Gruppe entschieden, die Bewohner verwalten sich selbst. Wer für sich bleiben möchte, kann das tun, aber wer Lust auf Unterhaltungen hat, geht in den Gemeinschaftsraum oder setzt sich in den Hof. Köhne verglich das mit „früher“: „Da haben die Leute eine Bank vor die Tür gestellt und dort Kartoffeln geschält. Sie hätten sie auch alleine schälen können, aber sie wollten, dass sich jemand zu ihnen setzt.“ Die Hausgemeinschaft soll im Optimalfall so etwas werden wie eine Großfamilie. Und, noch so eine Vision: Wenn die 80-Jährige Hilfe braucht, also zum Beispiel einen Wasserträger, dann soll der Jugendliche von nebenan ganz selbstverständlich einspringen.

Doch der soziale Gedanke ist nur ein Pfeiler des „Wohnen in Gemeinschaft“-Gedankens. Das hufeisenförmige Gebäude ist ein Passivhaus mit allem möglichen technischen Schnickschnack. Vieles ist sinnvoll, einiges wohl eher Spielerei. So waschen sie ihre Klamotten mit Regenwasser, benutzen Transponder statt Schlüsseln und können dank Kamera sehen, wer unten an der Tür klingelt. „Das Haus zeigt, was möglich ist“, so Köhne. Die Hausbewohner wollen Vordenker sein. Das Wasser wird über eine Solaranlage erwärmt, und natürlich ist das ganze Gebäude perfekt gedämmt. Energiesparen, das ist das große Ziel der Gemeinschaftswohner. Als sie von dem automatischen Luftaustausch erfahren haben, waren einige Neumieter zunächst einmal irritiert: Sie könnten nur bei offenem Fenster schlafen, sagten sie. Köhne entgegnete: „Sie können die Fenster im Winter nachts nicht offen lassen, dann kriegen Sie die Wohnung morgens nicht mehr warm. Ein bisschen muss man sich dem Haus schon anpassen.“

All das kann allerdings nicht jeder bezahlen. „Man muss es sich schon leisten können, hier zu leben.“ 9,50 Euro kostet der Quadratmeter im Durchschnitt – warm. Es gibt drei Kategorien: große, mittlere und kleine, also Zwei-Zimmer-Wohnungen. Wer einen eigenen Garten hat, bezahlt etwas mehr. Bis sich die Investitionen in das Passivhaus amortisieren, dauert es laut Köhne sieben bis zehn Jahre. Der Architekt lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er solcherlei Wohnprojekte für die Zukunft hält: „Langfristig“, sagte er, „wird dieser Haustyp Standard werden.“

 
 

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