Margit Ramus analysiert Bauweise und Deko von Fahrgeschäften

Kunsthistorikerin Dr. Margit Ramus betreibt die „Süße Lokomotive“ mit Tochter und Enkelin.
Kunsthistorikerin Dr. Margit Ramus betreibt die „Süße Lokomotive“ mit Tochter und Enkelin.
Foto: WAZ FotoPool
Die Schaustellerin Margit Ramus (63) hat im Fach Kunstgeschichte eine Doktorarbeit zur Architektur und Dekoration im Schaustellergewerbe vorgelegt. „Kulturgut Volksfest“ erlaubt mit seinen 1300 Abbildungen auch Laien interessante Einblicke. Momentan ist Margit Ramus mit ihrer „Süßen Lokomotive“ auf Crange.

Herne.  Wer mit Margit Ramus in der Sitzecke ihres Wohnwagens in ihrem Buch „Kulturgut Volksfest“ blättert, bekommt schnell eine Ahnung davon, was in den 760 Seiten an Sachverstand und Herzblut steckt. Fast alle Fahrgeschäfte, die momentan auf der Cranger Kirmes stehen, hat die Betreiberin der „Süßen Lokomotive“ fotografiert und viele mehr. Sie hat technische Daten erfasst, in Archiven gegraben und Gespräche geführt, sieben Jahre lang, neben ihrem Beruf als Schaustellerin, bevor 2013 das Werk vollbracht war: ihre Doktorarbeit in Kunstgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, vorgelegt im Alter von 62 Jahren. Inzwischen ist daraus ein ansprechender Bildband geworden, der die Fachwelt begeistert und Laien die Augen öffnet für die Kunst am Kirmesgeschäft.

Parallelen herausgearbeitet

„Woher kommen die Bauformen?“, sei eine ihrer Fragen gewesen, erklärt Margit Ramus beim Kaffee und zeigt eine alte Karussell-Illustration: „Ein klassischer Rundbau, wie die Pavillons der Feudalgesellschaft.“ Das Prachtkarussell der Familie Bruch aus dem Jahr 1899 weist verblüffende Ähnlichkeit mit der Pariser Oper auf, der Hallenbau eines Autoscooters erinnert an die Börse in Amsterdam und die Maler der barocken Schmuckbildtafeln an einem Karussell von 1910 haben sich von der „Büßenden Magdalena“ von Battoni inspirieren lassen. Unzählige solcher Parallelen lassen sich anhand des Buches ziehen, das gleichzeitig die Weiterentwicklung von Fahrgeschäften über die Jahrzehnte beleuchtet und nach den Künstlern fragt, die ihre Kirmesmalerei oft verheimlichten.

Auf Fachliteratur konnte sich Margit Ramus so gut wie gar nicht stützen. Lediglich ihre eigene Magisterarbeit aus dem Jahr 2004 hatte bereits den Jahrmarkt in den Blick genommen. „Schreiben Sie was über Karussells“, hatte ihr damals ihre Professorin Dr. Hiltrud Kier vorgeschlagen und damit ins Schwarze getroffen. Denn von Karussells und anderen Schaustellergeschäften verstand die späte Studentin etwas, die ihr Leben auf der Kirmes verbracht hatte wie fünf Generationen der Familie vor ihr. Für die Magisterarbeit konzentrierte sich Margit Ramus auf die ersten beiden Karussellbauformen des 19. Jahrhunderts. Da die Materialfülle eine Ausweitung des Themas nahelegte, nahm sie, von der Dozentin ermutigt, die Promotion in Angriff.

Zukunft in der Wissenschaft

Der Wissenschaft will die Schaustellerin auch ihre Zukunft widmen. Die „Lokomotive“ übernimmt im nächsten Jahr eine Enkelin. Sie selbst arbeitet mit einer kleinen Gruppe, der u.a. ihre Professorin, der Freundeskreis Kölner Stadtarchiv und das Schausteller-Museum angehören, an einem europäischen digitalen Archiv, das die Volksfest-Kunst bewahren und lebendig halten soll. An der Uni Bonn wird Margit Ramus 2015 für ein Semester Gastdozentin, eine Vorlesungsreihe ist in Vorbereitung. Außerdem wird sie in der Kölner Bildungsgesellschaft „Zeit für Wissen“ ein Blockseminar mit Exkursion zur „Volksfest-Kunst“ leiten. Dass ihre kunstgeschichtlichen Aktivitäten auf dem Kirmesplatz kaum wahrgenommen werden, findet Margit Ramus bedauerlich. „Das Buch gehört als Nachschlagewerk eigentlich in jeden Wohnwagen.“

Margit Ramus gab nach dem Unfalltod ihres Sohnes 1991 ihrem Leben eine neue Wende.

Sie besuchte eine Privatschule und machte mit 47 Jahren Abitur.

In Bonn studierte sie Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik.

Kontakt: www.margit-ramus.de. Über die Internetseite kann auch das Buch „Kulturgut Volksfest“ bestellt werden. 98 Euro, Versand frei.

 
 

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