Beziehungsdrama voller Intrigen

Johann David Heinichens Oper „Der glückliche Liebeswechsel oder Paris und Helena“, interpretiert von der Lautten Compagney Berlin unter Leitung von Wolfgang Katschner.
Johann David Heinichens Oper „Der glückliche Liebeswechsel oder Paris und Helena“, interpretiert von der Lautten Compagney Berlin unter Leitung von Wolfgang Katschner.
Foto: WDR/Claus Langer
David Heinichens Oper „Der glückliche Liebeswechsel oder Paris und Helena“ beendete das diesjährige Festival.

Herne..  Johann David Heinichens Oper „Der glückliche Liebeswechsel oder Paris und Helena“, interpretiert von der Lautten Compagney Berlin unter Leitung von Wolfgang Katschner, thematisierte zum Abschluss der Tage Alter Musik am Sonntagabend im Kulturzentrum das Ehebruchsverbot. Diese Barockoper dreht sich um ein Liebespaar, das nur durch einen Ehebruch mit fatalen Folgen zusammenkommen konnte: Paris (Tobias Berndt) und Helena (Susanne Ellen Kirchesch), deren Liebe den trojanischen Krieg auslösen sollte.

Widersprüchliche Emotionen

Heinichens Oper freilich blendet die historische Dimension aus und konzentriert sich auf ein privates Beziehungsdrama voller Eifersucht und Intrigen. Das ereignet sich auf einer Insel, auf der das schiffbrüchige Paar auf dem Weg nach Troja strandet – der Residenz der zuvor von Paris verlassenen Prinzessin Enone (Gesche Geier).

In dieser Situation ist Raum für die widersprüchlichsten Emotionen zwischen Paris, der sich nicht zwischen Helena und Enone entscheiden kann – oder will; dem bislang erfolglos in Enone verliebten trojanischen Prinzen Euristenes (Ulrich Cordes) und dem Helena anschmachtenden trojanischen Ritter Arminoe (David Szgetvari), bis schließlich das Dienerpaar Desdo (Henning Kaiser) und Rusilla (Melanie Hirsch) durch einen drastischen Verkupplungsstreich eine Lösung herbeiführt.

Ausdrucksreiche Interpretation

Heinichens Musik ist für seine Zeit ungewöhnlich theatralisch; er fährt virtuose barocke Verzierungstechniken zurück zugunsten eines stimmigen musikdramatischen Ausdrucks, der bereits über lautmalerisch-romantische Elemente verfügt, bleibt aber in der Struktur seiner Oper der Nummernabfolge der Barockoper verhaftet. Diese Mischung aus barocken Strukturelementen und den emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten des galanten Stils, in die er die barocke Affektenlehre mit ihren standardisierten melodisch-emotionalen Floskeln zu integrieren sucht, sorgt für eine gewisse Unausgewogenheit und, trotz witziger situationskomischer Elemente, merkliche Längen des Werkes, über die bei einer konzertanten Aufführung keine szenischen Aktionen hinweghelfen können.

Die Solisten meistern ihre Rollen ansprechend; vor allem Melanie Hirsch als kesse Dienerin Rusilla überzeugt mit schlankem Sopran; Susanne Ellen Kirchesch gestaltet eine mädchenhafte, doch zuweilen schmollende Helena; Gesche Geiers (Enone) Koloraturen und Vibrati wirken stellenweise zu forciert. Tobias Berndt, David Szigetvari, Ulrich Cordes und Henning Kaiser runden ein stimmiges Ensemble zu der ausdrucksreichen Interpretation der Berliner Lautten Compagney ab.

Fazit am Ende des viertägigen Festivals: Herausragend waren das Eröffnungskonzert der Compagnia di Punto mit Sopranistin Raffaella Milanesi, die mit nonchalanter Souveränität und ungemein ausdrucksstarker, wandlungsfähiger Stimme in der Haltung einer großen Dame die Salonkultur der Frühklassik zum Leben erweckte, und Alessandro Scarlattis Oratorium „Cain Ovvero Il Primo Omicidio“ in der durchgeistigten und gerade deshalb so mitreißenden Interpretation des Ensembles La Risonanza unter Fabio Bonizzoni.

Eine Entdeckung für Kenner und Liebhaber war auch das Konzert des Ensembles Micrologus unter Leitung von Patrizia Bovi: Zum Gebot „Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen“ stellten sie unter dem Motto „Kreuzzüge und andere Gotteslästerungen“ Gesänge aus dem 12. und 13. Jahrhundert von Walther von der Vogelweide, Conon de Béthune und Alfonso X El Sabio vor und führten ihr Publikum in der Kreuzkirche in eine ferne, aparte mediterrane Klangwelt ein. Die Welt der venezianischen Ospedali in der Wahrnehmung berühmter Komponisten wie Georg Philipp Telemann, Christoph Graupner, Antonio Lotti und Antonio Vivaldi ließen Marcel Ponseele und das Ensemble Il Gardellino auf historischen Instrumenten lebendig werden. Eine interessante Wiederentdeckung war die moderne Erstaufführung der Heinichen-Oper „Der glückliche Liebeswechsel oder Paris und Helena“ mit der Berliner Lautten Compagney.

 
 

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