Beerdigung mit Altbierbowle in der „Sonne“

Spielen am letzten Abend in der „Sonne“: Willi Thomczyk & Die Fertigen.
Spielen am letzten Abend in der „Sonne“: Willi Thomczyk & Die Fertigen.
Foto: WAZ FotoPool
Am Samstag, 31. Januar, wird in der „Sonne“ zum letzten Mal offiziell eingeschenkt.Willi Thomczyk und andere Gäste bringen ihre Klampfen mit.

Herne..  Es ist, als sei die Zeit stehengeblieben, aber leider auch die Putzfrau. Das Licht der Sonne scheint dürftig auf die staubigen Tische und bald nicht einmal mehr das. Denn am 31. Januar geht es vollständig aus, für immer. Trotz alledem: Der letzte Abend in der Herner Kultkneipe soll eher lustig werden als sentimental. Wofür allein schon Willi Thom-czyk garantiert, Gast der ersten Stunde, als die „Sonne“ 1977 zunächst an der Feldkampstraße aufging, und mit seiner Band „Die Fertigen“ Barde auch der letzten Stunde. Das passt, der Name ist Programm.

„Der tut nichts, der will nur trinken“, wirbt die legendäre Biermarke Astra an der Wand. Und gegenüber hängt noch eine vergilbte Urkunde aus dem Jahr 1981, als der Kegelclub „Auf die Damen“ – es war bestimmt ein Männerkegelclub – den ersten Preis gewann. All das wirkt schräg bis rührend zwischen dem dunklen Mobiliar aus Zeiten, als das Haus mit der Jugendstilfassade noch nicht abgehakt war wie heute. „Es könnte ein Problemhaus werden“, vermutet der langjährige Wirt Hosrt-Dieter „Hotte“ Jebram. Der unfreundliche Besitzer jedenfalls – vorher noch im Hausflur gesichtet – möchte nicht, dass man in der Presse über sein Haus berichtet. Das stimmt skeptisch.

Fotografie-Student Sebastian-Roman Wolniczak hat alles noch schnell fotografiert, die Einrichtung, die Küche und die Klos. Die Abzüge in Schwarz-Weiß, das wirkt am eindrucksvollsten. „Guck mal, da sehen sogar die Toiletten so sauber aus, wie sie in Wirklichkeit niemals waren“, sagt Lästermaul Thomczyk, der die Gelegenheit nutzt, vor rustikaler Kulisse ebensolche Sprüche rauszuhauen. Und dessen Strahlkraft wie die der „Sonne“ schon einmal größere Intensität besaß – ob als Sänger oder als Serienstar bei den „Campern“ auf RTL.

Mögliches Ende einer Kneipenkultur

Der 61-Jährige ist der Promi der Finissage einer Kneipenkultur, die in Herne damit womöglich ausstirbt. Denn Neues, so bedauert es Hotte Jebram, sei weit und breit immer noch nicht in Sicht. So sehr auch die Herner Stadtverwaltung bei der Suche mithelfe.

Weil Thomczyk ganz früher schon in die Saiten griff, dann aber der Sonne eine lange Zeit den Rücken kehrte, will er bei der „Beerdigung“, wie er sagt, mit seiner Truppe dabei sein. Bei Altbierbowle und anderen typischen Getränken in der „Sonne“, die schließlich durstig macht, werden er und Hotte und all die anderen in alten Zeiten schwelgen. Von damals erzählen, als Gregor Gysi sein neues Buch vorstellte und die Leute bis auf die Straße standen. Als die linke Autorenszene von Erich Fried über Günter Wallraff bis Bernt Engelmann zu Gast war. Und, das war wohl der schrillste Abend: „Als Alex Türk Rock spielte“, erinnert sich Hotte Jebram, „das war dermaßen laut, dass die Gläser auf der Theke wackelten. Die Nachbarn riefen die Polizei. Und weil gerade die Schleyer-Entführung war und alle Angst hatten, kam die gleich mit zwei Mannschaftswagen und Maschinenpistolen.“

Auch das Ordnungsamt habe sich – mindestens – einmal vorstellig gemacht. Da sei es auch um obszöne Sponti-Sprüche auf den Toiletten gegangen.

Wer wissen will, was die Leute damals so alles auf die Wände kritzelten: So etwas liest man nicht in der WAZ, so etwas liest und hört man nur in der „Sonne“.

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