Australierin auf den Spuren ihrer Vorfahren

Ute Eickenbusch
Diane Mossenson mit ihrem Mann Dan (li.) und  Ralf Piorr vor dem Haus in der Mozartstraße 5 in Wanne-Eickel. Hier wuchs ihre Mutter auf.
Diane Mossenson mit ihrem Mann Dan (li.) und Ralf Piorr vor dem Haus in der Mozartstraße 5 in Wanne-Eickel. Hier wuchs ihre Mutter auf.
Foto: Michael Korte
Diane Mossenson (60) hat sich bei einem Besuch in Deutschland das Elternhaus ihrer Mutter in der Mozartstraße angesehen. Dort lebte die später verfolgte und zum Teil ermordete jüdische Familie Hecht.

Wanne-Eickel.  Ihr Großvater Chaim Hecht war Kaufmann in Wanne-Eickel. Seit 1933 als Jude unter zunehmendem Druck, wurde er 1939 ins Polizeigefängnis Bochum geschafft und ein Jahr später im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Der Onkel, Simon, wurde nur 17 Jahre alt, aufgegriffen auf dem Weg zur Schule, nach Polen abgeschoben und gestorben in Auschwitz. Jetzt steht Diane Mossenson (60) aus Perth in Australien das erste Mal vor dem Haus an der Mozartstraße 5 in Wanne-Eickel und blickt die Jugendstilfassade des ehemals repräsentativen Bürgerhauses in der früheren „Kaiserpassage“ hoch.

Es ist das Haus, in dem ihre Familie gewohnt hat. Gegenüber befand sich ihr Möbel- und Textilgeschäft. Diane Mossenson staunt, „dass das alles noch steht. Mir wurde erzählt, es sei alles verschwunden.“ Ihre Großmutter Jutta Malka-Hecht und ihre Mutter Jeannette überlebten die Deportation ins Ghetto Riga und den „Todesmarsch“ nach dessen Auflösung. 1948 wanderten sie nach Australien aus. Über ihre Erlebnisse sprachen sie kaum.

Name auf dem Shoah-Mahnmal

In Herne ist die Familie Hecht keine unbekannte. Der Historiker Ralf Piorr ist im Zuge seiner Aufarbeitung der Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel auf sie gestoßen. Sowohl in seinem Buch „Nahtstellen, fühlbar, hier ...“ wie auf den dazu gehörenden Erinnerungstafeln in Stadtgebiet sind die Hechts erwähnt. Und so begleitet der Historiker an diesem Morgen Diane Mossenson und ihren Mann Dan, die nach einem Israel-Aufenthalt für zwei Tage in Deutschland weilen, durch Wanne-Eickel. Zeigt ihnen die Hauptstraße, früher Hindenburgstraße, wo die Hechts Ende der 30er Jahre wohnten, führt sie zur Erinnerungstafel und schließlich in die Mozartstraße.

Diane Mossenson, früher Ärztin und seit 20 Jahren eine bekannte Galeristin für Aborigine-Kunst, und ihr Mann, ein Anwalt, hören schweigend, was Ralf Piorr ihnen berichtet. Er hat Bücher und Kopien von Dokumenten mitgebracht. Diane Mossenson ist bewegt, wischt sich Tränen aus den Augen. Eine Mieterin tritt vor die Tür, beteuert, dass sie für den Zustand des Hauses nichts könne. Zögernd lässt sie das Paar dann doch einen Blick in den Hausflur werfen. Er fühle mit seiner Frau, sagt Dan Mossenson. Die Begegnung mit der Vergangenheit sei wichtig, „auch für unsere Kinder“. Das Paar hat vier erwachsene Kinder zwischen 29 und 35 Jahren.

Sie habe eine Menge mitzunehmen, sagt Diane Mossenson leise nach dieser halben Stunde in der Mozartstraße. Der Fahrer der Stadt Herne wartet. Er bringt sie nach Herne-Mitte, wo Dan und Diane Mossenson mit Oberbürgermeister Horst Schiereck noch das Shoah-Mahnmal auf dem Willi-Pohlmann-Platz besuchen werden. Auch dort werden sie Chaim und Simon Hechts Namen finden.

Im Zuge ihrer familiären Spurensuche hörte Diane Mossenson über den Gelsenkirchener Holocaust-Überlebenden Bernd Haase von der Initiative „Stolpersteine“. Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit der Aktion seit 1992 an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einlässt. Inzwischen liegen „Stolpersteine“ in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. Einige Städte wie München lehnen die Steine ab.

In Gelsenkirchen wird die Aktion von Andreas Jordan und seiner Frau begleitet. Jordan stellte den Kontakt zwischen den Mossensons und der Stadt Herne her. Diese hat bekanntlich mit den Erinnerungstafeln und dem Shoah-Mahnmal einen anderen Weg des Gedenkens gewählt. Mehr darüber erfuhren die Gäste von Oberbürgermeister Horst Schiereck, der sie zum Mahnmal vor dem Kulturzentrum begleitete. Schiereck begründet seine Ablehnung der Stolpersteine so: „Man hat zwischen 1933 und 1945 das Leben der jüdischen Bevölkerung mit Füßen getreten.“ Da passe es nicht, wenn man über die Gedenksteine laufe. Auch die hier und da geäußerte Kritik an der „Leichtigkeit des Gedenkens“ teilt er. Wichtig sei ihm: „Die junge Generation muss einbezogen werden“, sagt Schiereck. Das werde in Herne durch die Beteiligung von Jugendlichen am Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz gewährleistet.