Aus dem Sanatorium aufs Knastschiff

Nils und Til Beckmann (als Projektion) in „Kopf oder Zahl“.
Nils und Til Beckmann (als Projektion) in „Kopf oder Zahl“.
Foto: Winfried Labus / FotoPool
Neue Produktion des Theaters Kohlenpott in den Flottmann-Hallen.

Herne..  „Kopf oder Zahl“ heißt ein Stück über Jugendkriminalität von Katja Hensel, das am Freitagabend in einer Produktion des Theaters Kohlenpott in den Flottmann-Hallen Premiere hatte.

Der „Held“ des Stückes ist Christopher (Nils Beckmann), der einen Jungen brutal zusammengeschlagen hat und nach einigen Wochen im Jugendarrest – offiziell ein Sanatoriumsaufenthalt an der Küste – in die Schule zurückkommt und sich neu orientieren muss. Bei der Suche nach anderen, besseren Werten als bisher steht ihm allerdings sein soziales Umfeld im Weg, vor allem seine alte Clique – aber auch und nicht zuletzt er selbst: Im „Anderen“, stellenweise mit mephistophelischem Tiefgang interpretiert von Till Beckmann, personifiziert sich der innere Kampf um Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensziele.

Regisseur Frank Hörner und Ausstatterin Sigrid Trebing stellen Christopher und den Anderen in den Mittelpunkt des Geschehens: Die übrigen Mitspieler – die Stress geplagte Mutter Maja Beckmann und die verführerische Latina aus dem Sonnenstudio (Julia Praschma) – treten nur als Projektionen auf. Sie bleiben irgendwie unwirklich, wirken wie Figuren aus einer virtuellen Welt, die auf Christopher einwirken, zu denen er aber keine echte Beziehung hat, die nicht Teil seines realen Lebens sind.

Spiel mit der Unsicherheit

Nils Beckmann zeigt in differenziertem Spiel die Unsicherheit und psychische Labilität Christophers, die man ihm leider zu deutlich anmerkt, als dass er mit seinem neuen Ich irgend jemand überzeugen könnte: Zunächst versucht er, nett zu sein, um wieder Anschluss zu finden und Sympathien zu gewinnen. Aber alles wirkt zu aufgesetzt, als ob er aufsagen würde, was er in Therapiesitzungen auswendig gelernt hat.

Als diese Strategie „nicht aufgeht“ und er bei seinen Bemühungen, ein anderer Mensch zu werden, keine Bestätigung von außen erhält, schlagen seine nach und nach aufgestauten Emotionen in Aggressivität um und brechen sich in einem explosiven Akt Bahn: Für Brandstiftung wird er dann ein ganzes Jahr auf einem Knastschiff verbringen, bevor er den nächsten Neuanfang startet – diesmal allerdings ohne beschönigende Lügen. Ob er die zweite Chance anders wird nutzen können?

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