Auf dem Weg ins digitale Zeitalter

Dr. Hans-Jakob Tebarth, seit einem Jahr Direktor der Martin-Opitz-Bibliothek.
Dr. Hans-Jakob Tebarth, seit einem Jahr Direktor der Martin-Opitz-Bibliothek.
Foto: WAZ FotoPool
Hans-Jakob Tebarth (55) ist seit einem Jahr Direktor der Martin-Opitz-Bibliothek, die technisch mit der Zeit geht. Zwei Prozent der 300 000 Bücher sind schon digitalisiert.

Herne..  Zehn Jahre Erfahrung in der Martin-Opitz-Bibliothek (MOB) brachte Dr. Hans-Jakob Tebarth (55) mit, als er vor einem Jahr deren Direktor wurde. Ein fließender Übergang für den Historiker, der mit seinem zehnköpfigen Team in der ersten Liga der Bibliotheken für Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa mitspielt. Ute Eickenbusch traf Hans-Jakob Tebarth zum Gespräch.

Seit Januar 2012 leiten Sie die Bibliothek. Haben Sie dem Haus schon Ihren Stempel aufgedrückt?

Tebarth: Ich war ja hier immer für den Technikeinsatz zuständig, und zwangsläufig hat sich da sehr viel ergeben im letzten Jahr. Das Stichwort ist „Deutsche Digitale Bibliothek“. Die gibt’s zwar erst als Dummy bzw. im Probebetrieb, obwohl sie schon vor zwei Jahren starten sollte. Aber wir haben einen Projektantrag gestellt, der wahrscheinlich 100 000 Euro nach Herne bringt, innerhalb der Digitalisierungsoffensive von Staatsminister Neumann. Fast zwei Prozent unseres Bestandes haben wir schon digitalisiert. Wir sind acht Jahre früher als die Staatsbibliothek Berlin eingestiegen. Zusätzlich zu Ehrenamtlern können wir dafür jetzt Studenten einsetzen. Die Mittel haben erstmals im Wirtschaftsplan verankert, außerdem eine Auszubildendenstelle. Die 100 000 Euro sind dagegen eine einmalige Investition in die Technik. Dafür wird Software eingekauft.

Auf Ihrer Homepage heißt es, Literatur biete die „Chance, Fronten und Vorurteile zu überwinden“. Gibt es solche noch?

Die Vorbehalte sind viel weniger geworden und trotzdem sind sie noch vorhanden. Es gibt in Polen immer noch die Angst vor deutschem Revanchismus. In Regionen, wo deutsche Ortsschilder aufgestellt werden können, sind diese oft durchgestrichen. Auf wissenschaftlicher Ebene war es immer entspannter. Die MOB hat immer polnische Referenten eingeladen. Die Kontakte sind gut. Ich weiß auch, dass bei der deutsch-polnischen „Schulbuchkonferenz“ vieles noch kontrovers diskutiert wird, wenn es um die Darstellung der neueren Geschichte geht. In Herne habe ich immer ein unglaublich offenes Publikum erlebt. Die Vertriebenen sind hier unkompliziert gewesen.

Sterben Ihnen eigentlich so langsam die Leser weg?

Die ursprünglichen Nutzer, ja. Aber es gibt einen klassischen Nutzer, der ist immer gleich alt: 60 Jahre, frisch pensioniert, der sich jetzt um seine Familiengeschichte bemüht. Dann gibt es noch eine wissenschaftliche Nutzerschaft, die kommt persönlich kaum vorbei. Die nutzen den Katalog online und die beliefern wir digital - wenn das mit dem Copyright vereinbar ist, in einer Stunde. Diese „Gelegenheitskopien“, haben aber mit den genannten zwei Prozent schon digitalisierter Büchern der MOB nichts zu tun. Das sind historisch wertvolle Bücher, die wir nicht mehr an die Benutzer herausgeben möchten.

Sie sind eine hoch spezialisierte Bibliothek. Wären Sie nicht eigentlich besser in Berlin aufgehoben?

Das werden wir sehr häufig gefragt. Mehr noch als Berlin wäre die Deutsche Nationalbibliothek, sprich Leipzig oder Frankfurt, die richtige Adresse. Nur soll ja auch ein dezentrales Wissenschaftssystem gefördert werden. Die fünf Millionen Menschen, die hier leben, sind unsere Bezugsgruppe. Und die haben zum großen Teil ihre Wurzeln im Osten. Wir haben 300 000 Bücher. Solche Bestände umzuziehen, wäre ein Irrsinn. Für die Region ist die Bibliothek nicht schlecht, und angesichts der neuen Technologien ist der Standort kein Thema. Selbst vorher haben wir schon die ganze Bundesrepublik versorgt.

Sie laden monatlich zu Veranstaltungen ein. Ein Versuch, noch mehr Interesse zu wecken?

Auf jeden Fall, wobei das Durchschnittsalter des Besucherkreises dieser Veranstaltungen recht hoch ist, wenn nicht gerade eine Kooperation mit einer Uni läuft, wo wir die Seminare zum Teil mit tollen Originalen, etwa der Barockliteratur, unterstützen können. Dann kommen auch junge Leute. Ansonsten repräsentieren diese Veranstaltungen die Arbeit der Bibliothek, sie berichten aus unserem Arbeitsfeld.

Wenn Sie eine Veranstaltung in diesem Jahr besonders empfehlen sollten ...

... würde ich Sie auf den 24. Januar hinweisen, wo Angelika Müller über die Zuwanderung der Masuren in das Ruhrgebiet spricht. Auch aktuell ist unser Thema am 14. Februar, in Kooperation mit der Volkshochschule, eine erste von drei Veranstaltungen zum jüdischen Leben in Deutschland. Dazu ist noch viel zu sagen.

 
 

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