Zielgruppe "Silver Gamer" – Spielkinder mit grauen Haaren

Christian Leppersjohann (63) aus Hünxe: ein Spielkind mit grauem Haar.
Christian Leppersjohann (63) aus Hünxe: ein Spielkind mit grauem Haar.
Foto: Lars Heidrich
Silver Gamer, Computer-Spieler im Rentenalter, sind schon jetzt eine lukrative Zielgruppe für Spiele-Hersteller. Und es werden immer mehr. Christian Leppersjohann ist einer von ihnen.

Hünxe.. Es braucht nur ein paar Mausklicks, einige kurze Blicke, und Christian Leppersjohann ist wieder im Bilde, was sein Volk so treibt. Ob die Bauern ernten, die Jäger jagen und die Müller mahlen. So wie er es ihnen aufgetragen hat. „Die Siedler“ heißt das Computerspiel, das der Mann aus Hünxe spielt. 63 ist Leppersjohann, seit einiger Zeit pensioniert ist er längst nicht der Einzige in diesem Alter, der sich zum Spielen an den Rechner setzt. „Der Kreis wird größer“, bestätigt Professor Jörg Müller-Lietzkow von der Uni Paderborn das Phänomen. „Silver Gamer“ hat die Industrie sie getauft und spielt damit auf die meist grauen Haare der neuen Zielgruppe an.

Man könnte sie auch die C 64-Generation nennen, frei nach dem ersten erfolgreichen Heimcomputer in den frühen 1980er-Jahren. Oder die Gameboy-Opas. Leppersjohann jedenfalls ist durch die kleine, mobile Nintendo-Konsole in Kontakt mit Videospielen gekommen. „Die Kinder haben mich auf den Geschmack gebracht“, sagt er.

"Ich habe abends im Zimmer oft gespielt"

Wenn er damals beruflich unterwegs war, hatte er immer ein Laptop dabei. Und während andere nach langen Konferenztagen in Bars versackten oder vor dem Hotelfernseher einnickten, kurbelte Leppersjohann seine virtuelle Wirtschaft an. „Ich habe abends im Zimmer oft gespielt.“ Als Rentner muss er nun nicht mehr auf den Feierabend warten.

Und ist damit typisch für eine Zielgruppe, die nicht nur Bob de Schutter, einer der bekanntesten Professoren für Game Design, für „ideal“ hält. „Sie hat den ganzen Tag Zeit sowie Geld für neue Hardware und Spiele.“ Wobei Zeit meist wichtiger ist. Denn die „Siedler“ oder auch „Anno“, ein weiterer Favorit des Rentners, sind so genannte Browserspiele, die grundsätzlich erst einmal kostenlos sind. Besonders Eilige können den Spielablauf zwar durch Geldzahlungen beschleunigen, aber das ist nichts für Leppersjohann. „Mich hetzt ja keiner.“

Ego-Shooter sind Leppersjohann zu hektisch

Er lässt sich auch nicht gerne hetzen. Am liebsten siedelt er gemütlich vor sich hin, baut in Ruhe Produktionsketten – Korn zu Mehl zu Brot –, statt seine Pixelmännchen in den virtuellen Krieg zu schicken. Und mit den bei jüngeren Spielern so beliebten Ballerspielen, den so genannten „Ego-Shootern“, braucht man ihm gar nicht erst zu kommen. „Die sind alle viel zu hektisch für mich.“

„Da haben ältere Spieler einfach keine Chance, sagt Müller-Lietzkow. Allein schon, weil bereits ab 25 Jahren die Reaktionszeit nachlässt. Auch bei dem einst in Mülheim/Ruhr gegründeten und mittlerweile zum Ubisoft-Konzern in Düsseldorf gehörenden Software-Unternehmen Blue Byte weiß man das, denn: „Wir haben regelmäßig Kontakt zu den Menschen, die unsere Spiele spielen“, sagt Blue Byte-Sprecher Karsten Lehmann. „Und unter ihnen sind immer mehr Ältere.“ Sie lieben den „Aquariums­effekt“, wie Lehmann das gelassene Betrachten von nach und nach aufgebauten virtuellen Welten nennt. Leppersjohann nickt: „Spielen beruhigt mich.“

Spezielle Spiele für die „Silver Gamer“ hat Ubisoft noch nicht entwickelt, aber Anregungen zu bereits existierenden Programmen werden gerne aufgegriffen, wie Lehmann versichert.

Den Schwiegervater (82) angelernt

Immerhin, einmal täglich muss Leppersjohann bei seinen Siedlern vorbeischauen, um den erreichten Spielstand nicht zu gefährden. Allerdings fährt er gern und oft in Urlaub. „Das wird dann schwierig.“ Aber nicht unmöglich. Seinen 82-jährigen Schwiegervater hat er angelernt. Der Mann kommt nun jeden Tag rüber, meldet sich kurz am PC an und hält „den Laden am Laufen“. „Wenn ich dann wieder zuhause bin, bringe ich die Jungs erst einmal auf Vordermann.“

Seine Ehefrau spielt nicht. „Kein Interesse.“ Ansonsten aber greift das weibliche Geschlecht immer öfter zu Smartphone oder Tablet und klickt auf eines der zahllosen so genannten „Casual Games“ – eines der schnell erlernten Gelegenheitsspiele. Die Zahl der spielenden Frauen jedenfalls wächst. Für Jörg Müller-Lietzkow ein gute Nachricht. „Mit den richtigen Spielen“, sagt er, „hält man sein Gedächtnis fit.“

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