Wenn Insolvenz die Seele auffrisst

Pfarrer Matthias Jung
Pfarrer Matthias Jung
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Pfarrer Matthias Jung hilft Handwerkern und Managern mit ihrem beruflichen Scheitern klarzukommen

Voerde..  Was tut der Pfarrer, wenn plötzlich der insolvente Handwerkermeister anklopft, der demnächst von Hartz IV leben muss? Matthias Jung, Pfarrer der Ev. Gemeinde Götterswickerhamm, kennt diese Situation. „Ich höre erst einmal zu. Das ist natürlich eine Herausforderung für die Seelsorge“, sagt der 52-jährige Erziehungswissenschaftler und promovierte Theologe, der sich im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) engagiert.

Hier sei man seit zwei Jahren dabei, sich mit dem Scheitern bei Handwerkern, Geschäftsführern und im mittleren Management zu beschäftigen. „Bei Menschen in Insolvenz herrscht vielfach eine riesige seelische Not, und sie sind allein damit“, weiß Pfarrer Jung. Scheitern werde ja häufig als persönliches Versagen empfunden.

Er verweise auf die biblische Botschaft. „Denn sie stellt das eigene Erleben mit Schuld und Scheitern in einen größeren Horizont“, sagt Jung. So könne sich der verzweifelte Mensch von der Fixierung auf das eigene Versagen lösen. Der Pfarrer wird Ende September in der Bonner Evangelischen Akademie im Rheinland mit genau diesen Gedanken eine öffentliche Tagung mitgestalten.

Kirchen kritisieren schnell

Gerade die Kirchen müssten sich Unternehmenskrisen und Insolvenzen stellen, fordert Landespfarrer und Studienleiter Peter Mörbel. „Sie tun sich jedoch schwer mit dem Unternehmertum. Die Kirchen kritisieren schnell und heftig jegliche Gewinnorientierung, sie beschäftigen sich aber kaum mit unternehmerischen Risiken, zu denen auch das des Scheiterns gehört – und das, obwohl sie angesichts zahlreicher eigener Pleiten selber ein Lied davon singen könnten.“ Betriebliches Scheitern sei letztlich ein Zwilling des Erfolgs, werde jedoch trotz des verbesserten Insolvenzrechts noch immer mit dem Stigma des betrügerischen Bankrotts belegt. „Dadurch geraten auch bislang ehrbare Kaufleute rasant in wirtschaftlich wie psychisch aussichtslose Lagen und sind akut suizidgefährdet“, so Mörbel.

Was fehle, seien schnelle, kompetente und kostenlose Beratungsmöglichkeiten für Eigentümer, Manager und Betriebsangehörige in akuter Notlage.

Ob die frohe Botschaft denn bei genau diesen Menschen ankomme, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, heißt die letzte Frage an Pfarrer Matthias Jung. „Das habe ich als Seelsorger nicht in der Hand. Ich kann davon erzählen, einfühlsam und persönlich – und hoffen, dass ich so mein Gegenüber erreiche und Vertrauen zu Gott daraus erwächst.“

Wahrscheinlich falle es gerade Männern schwer, sich ein Scheitern einzugestehen, denkt er weiter. „Und eventuell neigen sie daher auch eher zu Kurzschlussreaktionen, wie es jüngst die Suizide Schweizer Manager zeigen.“

 
 

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