Warmherzige Begegnung

Lasen im literarischen Cafe im neuen Gemeindezentrum an der Helenenstraße: Doro und Jonas Zachmann.
Lasen im literarischen Cafe im neuen Gemeindezentrum an der Helenenstraße: Doro und Jonas Zachmann.
Foto: WAZ FotoPool

Dinslaken.  Jonas Zachmann hat das Down Syndrom. Es gab eine Lesung mit seiner Mutter in Christusgemeinde.

Jonas (17) sieht seine Mutter Doro Zachmann auf dem gepackten Koffer sitzen, Jonas will mit. „Kann ich lesen“. „Ja“, erklärt ihm die Autorin, „aber es liest doch derjenige bei einer Lesereise, der das Buch auch geschrieben hat.“ „Gut, cool. Dann ich Buch schreiben und auch im Hotel übernachte!“

So läuft das halt bei erfolgreichen Schriftstellern: Jonas hatte ein Ziel, wusste wo er hin wollte und war bereit dafür zu arbeiten. Handschriftlich, am heimischen Computer, oder als „Chef“ beim Diktat mit der Mutter als „Sekretärin“.

Vor zwei Jahren kam es zu dem folgenreichen Gespräch, am Mittwoch machte Jonas Zachmann mit seiner Co-Autorin Doro und seinem Vater Wolfgang als Gitarristen für die Zwischenmusiken auf seiner Lesereise Station im neu eröffneten Gemeindezentrum der Christusgemeinde an der Helenenstraße – im Rahmen der bis Sonntag dauernden Festwoche.

„In Din(s)gsbums“, wie er sagt, Jonas Wortwahl und Grammatik sind manchmal etwas speziell. Aber er ist auch ein besonderer Autor. Jonas hat das Down Syndrom. Zwei Bücher schrieb Doro Zachmann über ihren Sohn, bevor er nun selbst von sich und seinem Leben erzählen wollte. Und das macht er am besten persönlich. Die vielen, vielen Zuschauer im neuen, an dem ehemaligen Gebäude der Hagenschule angebauten Gemeindesaal erlebten eine der sympathischsten und heitersten Autorenabende der letzten Jahre.

Eigentlich ist Jonas ein typischer Jugendlicher von heute. Langer Pony mit blondierten Strähnchen, ein wenig Bart, kariertes Hemd. Ein offener, lebenslustiger Typ, der an keiner Tanzfläche vorbeikommt und im Auto die Musik bis zu Anschlag aufdreht. Ein Mann der Generation Smartphone, der sogar im Bad zum Handy greift: „Mama, das Toilettenpapier ist alle!“ Jonas Selbstbewusstsein ist gesund. Die Karte mit den vielen Komplimente und herzlichen Lobeshymnen seines Segelteams, die seine Mutter mit Rührung und Stolz erfüllten, wollte er nicht an die Wand hängen: „Brauch ich nicht, weiß ich doch alles“. Aber er weiß auch, was das Down Syndrom bedeutet. Manchmal sei er traurig, gesteht er. Aber seine Lebensfreude, die auf andere so ansteckend wirkt, vermag auch ihn selbst aufzubauen.

„Ich mit und ohne Mama“ in verteilten Rollen

„Ich mit ohne Mama“ ist der Titel dieses ungewöhnlichen Buches über das Erwachsenwerden. Doro und Jonas Zachmann lesen mit verteilten Rollen, akribisch achtet der 19-Jährige darauf, dass sich seine Mutter wortgetreu ans Skript hält. Mag seine Sprache recht vereinfacht sein, sein Lesetalent ist hörenswert, ausdrucksstarke schauspielerische Performance, von der sich so mancher Schriftsteller eine Scheibe abschneiden könnte.

Klar, mit seinem zusätzlichen Chromosom 21 hat Jonas keine mathematische Vorstellung von der Uhrzeit, kämpft mit so manchen Tücken des Alltags. Aber die offene, gewinnende Art, wie er vor sein Publikum tritt und beim Signieren in der Pause charmant mit seinen Lesern scherzt sowie die im Buch geschilderte Art, wie er nach Familienstreitereien als erster versöhnliche Töne anstimmt, sind Paradebeispiele der so oft beschworenen emotionalen Intelligenz.

Jonas macht sich seinen eigenen Reim auf diese Welt. Und so kann es sein, dass er den Weg vom Geldsparen im Sparschwein über die Einzahlung aufs Konto und dem Abheben vom Geldautomaten hin zum genüsslichen Einkauf beim Bäcker in einem Rutsch vor dem Frühstück erledigt. Einfach herzerfrischend zum Lachen, wie die Bankangestellte meint oder nicht eher ein Beispiel für das konsequente Durchspielen so mancher Absurditäten, die die Gesellschaft sich als „normal“ definiert hat?

Für wen Lebensqualität, Lebensfreude und ein offener, liebevoller Umgang mit den Mitmenschen als Werte in einem erfüllten Leben erkannt werden, für den kann die Begegnung mit Jonas eine der Erfahrungen sein, aus denen er schöpfen und nachhaltig zu lernen vermag. Jonas, der sich selbst als „cool“ bezeichnet, gehört zu den raren wertvollen Menschen, die etwas zu sagen und vorzuleben haben. Und bei diesen dürfte die Anzahl von Chromosomen wohl egal sein.

 
 

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