Sherlock Holmes wittert den Braten

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Dinslaken..  Ein aussagekräftiger Filzhut, die Herkunftsverfolgung eines Lebensmittels quer durch London und als Hintergrundinformation ein fünf Tage alter Zeitungsbericht. Das klingt nach Abenteuer. Zumindest wenn man Sherlock Holmes heißt. Nach einem Abenteuer, das den Meisterdetektiv am zweiten Tag nach Weihnachten vom Sofa lockt und Dr. Watson, der eigentlich nur verspätete Festtagsgrüße bringen wollte, um seine geregelten Mahlzeiten. Nach einem Abenteuer, dessen Erzählung auch nach ungefähr 125 Jahren, aber auf den Tag genau auf einem 27. Dezember, viele Besucher durch Schnee und Matsch in die Buchhandlung Kaleidoskop in Hiesfeld lockte.

In der letzten Benefizveranstaltung des Jahres von Buchhändlerin Anne Hoffmann und Luciano Constantini (Hairstyling by Lutz) zugunsten der Jugendarbeit des Mandolinenvereins Harmonie las Werner Seuken das Abenteuer vom „Blauen Karfunkel“, wie es Sir Arthur Conan Doyle 1893 im Kanon seiner Sherlock-Holmes-Geschichten verfasst hat.

Der „blaue Karfunkel“ ist das Weihnachtsspecial im Reigen der originalen Kurzgeschichten. Aber es beinhaltet fast alles, was ihren Reiz ausmacht. Zur Einführung stellte Werner Seuken den Meisterdetektiv Sherlock Holmes mit seinen Licht- und Schattenseiten vor. Ein Dandy im roten Morgenmantel mit Affinität zu harten Drogen, aber auch die Verkörperung des Wissenschaftsoptimismusses seiner Zeit. Tatsächlich überträgt Holmes, wenn er dem verblüfften Watson an Hand einer verschlissenen Melone die halbe Lebensgeschichte ihres Trägers enthüllt, naturwissenschaftliche Lehrmethoden, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden und langsam Eingang in die in der Entstehung begriffene Kriminalistik fanden. Spaß macht dieses Spiel mit den scheinbar alltäglichsten Gegenständen bis heute.

Aber es ist Weihnachten, es geht nicht nur um einen Hut, sondern um die Weihnachtsgans und Holmes wittert den Braten. Das unglückselige Federvieh wurde nämlich als Versteck eines äußerst wertvollen Juwels, des „blauen Karfunkels“, erwählt und prompt verwechselt. Der Stein gelangt auf Umwegen zu Holmes. Und nun verfolgen beide, Detektiv und Dieb, den Weg des Juwels in entgegengesetzter Suchrichtung.

Für die Hörer im Kaleidoskop geht es mit Holmes und Watson durchs viktorianische London, auf ein investigatives Bier in den Pub zu den Märkten des Covent Garden zu einem wettlustigen Händler (Sherlock Holmes hat einen Blick für die Schwachpunkte der Menschen, von denen er Informationen braucht) hin zu einer Gänsezüchterin mitten in der Großstadt. Jede Menge Lokalkolorit, jede Menge herrlich ironische Sprüche. Einen jedoch meint er ernst: „Meine Name ist Sherlock Holmes, es ist mein Beruf Dinge zu wissen, die andere nicht wissen“, schnaubt der Meisterdetektiv.

So kommt Holmes nicht nur dem Täter auf die Schliche, der am Ende des Tages um Gnade bettelnd vor dem Detektiv auf den Knien liegt. Er kennt auch die Geschichte des Juwels, eines dieser „Lieblingsköder des Teufels“, wie er den blauen Karfunkel nennt. Holmes, der das Verbrechen studiert hat wie kein anderer, weiß, was das Verlangen nach Geld, Gold und Juwelen aus Menschen macht: allein am blauen Karfunkel klebten innerhalb von 20 Jahren zwei Morde, ein Selbstmord und weitere Abscheulichkeiten. Holmes jagt den Dieb aus der Wohnung, lässt ihn laufen. „Warum soll ich die Fehler der Polizei ausbügeln?“ Der Mann war zuvor unbescholten, eine Verurteilung hätte ihn und seine Familie ins Unglück gestürzt. Holmes entscheidet sich gegen das Gesetz und für sein reines Gewissen, „vielleicht eine Seele gerettet zu haben“. Der blaue Karfunkel bleibt das Abenteuer von der Weihnachtsgans, nicht vom „Knastvogel“.

Und zu Schluss gibt es sogar noch was zu Essen. Geflügel für den hageren Holmes und den hungrigen Watson, Punsch und selbst gebackene Hörnchen für die Zuhörer im Kaleidoskop.

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