Schräger Trip mit überraschenden Wendungen

Dinslaken..  Dinslaken am ersten Samstag im November in den Abendstunden: Die Kapelle spielt das Martinslied. Aber etwas ist anders. Der Text stimmt, aber die Musik klingt verdächtig nach Rammstein. Korrekt: Der Mix aus „Sankt Martin“ und „Engel“ ist ein Klassiker von Butterfahrt 5, aber bei dieser „Kollidiert“-Show am Martini-Wochenende in Dinslaken mussten Philipp Stempel und seine smarte Boyband noch mal richtig „böse“ werden. Und der Zug in den großen Saal des Ledigenheims mit Tuba und selbstgebastelten AC/DC-Laternen war nur eine Richtungsänderung eines Butterfahrt-Kollisionskurses, wie er überraschender nicht hätte sein können.

Albern, aber richtig gut

Die Butterfahrt führt zunächst zu nichts: Kaum fand das Quintett in seinen verschiedenen Bühnenrollen im bekannten Trailer den Weg ins Ledigenheim, begaben sie sich auf die Straße nach Nirgendwo. Der legendäre Talking-Heads-Titel „Road to nowhere“ ganz still und leise mit Kalimba, Kinder-Glockenspiel, Ukulele und winziger 1/4-Violine: klingt albern, klang aber richtig gut. Und kaum war der erste Applaus des trotz der Martinikirmes gut besuchten Showabends verklungen, hatte Butterfahrt 5 doch ein Ziel vor Augen: Peter Fox’ „Haus am See“, das sich als Pippi Langstrumpfs Villa Kuterbunt entpuppte.

Nach soviel Finten standen mit Rimski-Korsakows „Hummelflug“ für Tuba, Melodika und Plüschhummel Hochkultur und mit Sijambo der erste Auftritt der Gäste des Abends auf dem Programm. Spätestens als die Gruppe von Claudia Paswark sich mit ihren Trommeln im Saal verteilt hat und das Publikum mit ihren afrikanischen Rhythmen in Bewegung versetzte, blieb das Stimmungsbarometer im Ledigenheim auf Hochsommertemperaturen. Die wurden von Paul Simons „Late in the evening“, den Butterfahrt 5 einmal nicht parodierte, sondern dessen rhythmisches Feuer sie zusammen mit Sijambo auf der Bühne entfachten, weiter gesteigert. Was konnte da noch kommen?

Die Antwort: Christian Hirdes. Ein unauffälliger Typ aus dem Ruhrgebiet mit kariertem Hemd, Holz-Gitarre und Keyboard. Einer dieser stillen Wasser, die bekanntlich am tiefsten sind. Er habe sich auf der Suche nach einem neuen Lied auf der Wikipedia-Seite „Ereignisse 2016“ umgesehen, aber dort nichts Gutes gefunden. „Terroranschläge (Auswahl)“ – da sänge er lieber vom Urlaub. Aber warum klingt er, als wäre der Sommer am Strand, wo er es sich richtig gut hat gehen lassen, als wäre es der letzte? Weil der Song richtig böse ist: Die Pointe kommt im Refrain, wenn er vom Urlaub dick und rund vor dem Spiegel steht und jammert: „Und jetzt ist mir mein Sprengstoffgürtel viel zu eng.“

Hirdes kann übrigens auch netter: Er bedauert, rein beruflich als Parodist, „Herbert Grönemeyer war beim Logopäden“, er fährt zu „Boys and Girls“ von Blur mit dem Laster von Neuss nach Moers und in Essen macht er in jedem Stadtteil ein Mädchen glücklich. Außer: „No woman in Krey“.

Stadionrock

Stadion kann der gebürtige Mülheimer übrigens auch: Ganz alleine ist er 30 000 Borussia-Fans gegen 30 000 Schalker und zusammen 60 000 zusammenhaltende Fußballfans des Ruhrgebiets gegen die Bayern.

Damit ist das Publikum im Ledigenheim natürlich gefordert. Philipp Stempel fordert den Lärm von 80 000 für die richtige Stadionrock-Klangkulisse. Der Fehlstart der Dinslakener nach den ersten zwei Tönen von „Don’t you forget about me“ ist etwas unerklärlich, aber dann stimmen Sound und Atmosphäre. Spätestens, wenn Butterfahrt 5 mit Sijambo „We will rock you“ anstimmt, rockt der ganze Saal.

Die Butterfahrt endete mit Verspätung: Das begeisterte Publikum forderte mehr Zugaben ein, als von den Musik-Comedians geplant war.

 
 

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