Schloss sucht gute Geister

Dinslakens. 322 Quadratmeter Wohnfläche, zwei Garagen, Zentralheizung zum Kaufpreis von 340 000 Euro. Leider ist der Zustand der Immobilie mit „renovierungsbedürftig“ angegeben. Das überrascht allerdings nicht wirklich beim Baujahr 1192.

„Werden Sie ihr eigener Schlossherr“, wirbt die Immobiliengesellschaft der Volksbank Rhein Lippe für ihr derzeit wohl geschichtsträchtigstes „Wohnhaus“. Haus Götterswick, seit 1853 im Besitz der evangelischen Kirchengemeinde Götterswickerhamm und von ihr als Pfarrhaus genutzt, steht zum Verkauf.

Nicht irgendein Pfarrhaus

Es ist nicht irgendein Pfarrhaus, auch nicht irgendein Landgut, das - sollte sich nicht in letzter Sekunde doch noch ein Trägerkonzept durch Stiftung oder Verein ergeben - bestenfalls in private Hände gelangt, die das Gemäuer mit dem nötigen Idealismus sanieren. Haus Götterswick ist ein Schloss, 1720 errichtet auf den Fundamenten einer waschechten Ritterburg. Mit einer ersten Erwähnung 1003 ist das Kirchspiel Goterswick der älteste belegte Ort im Altkreis Dinslaken. 1201 nahm ein Erewin von Götterswick am Reichstag Otto IV. in Braunschweig teil, niederrheinischer Hochadel also, eines der ältesten nachgewiesenen Geschlechter der Region. Wie ihre Burg aussah, ist nicht bekannt. Sicher ist, auch sie war gut geschützt und mit Wasser umgeben.

Was dem Gemäuer 1598 allerdings nicht mehr half. „Um Michaelis ist das gewaltige Kriegsvolk des Königs von Spanien über den Rhein gekommen und hat unzähligen Schaden getan“, heißt es in der „Geschichte von Haus Götterswick“, die der Heimatforscher Walter Neuse aus Möllen 1957 verfasste. Ruine und Ländereien wurden 1641 an Reinhard Maximilian von Mum verkauft, 1653 begann Anna von Geldern mit dem Wiederaufbau. Doch bereits 1668 erlitt das Gebäude durch einen Brand erneut schweren Schaden. Als 1705 von Mums Witwe Elisabeth stirbt, ist sie völlig verarmt. Das desolate Gemäuer fällt an Johann Georg von Loen, Sohn der Herren von Haus Paumühlen in Hiesfeld. Er baut Haus Götterswick zum Schloss aus und lässt eine Tafel an der Südseite des Ostflügels anbringen: „Renovati 1722“. 1806 kauft Jean Leo de Brauin, Bürgermeister unter napoleonischer Herrschaft, Haus Götterswick. Für kurze Zeit ist es Sitz der Mairie, wird erneut an privat verkauft und von der Kirchengemeinde erworben.

Zeugen niederrheinischer Geschichte

Jetzt, nach rund 200 Jahren, soll Haus Götterswick erneut in private Nutzung überführt werden. Es scheint die einzige Art zu sein, den Fortbestand der Häuser entlang des Rheins zwischen Eppinghoven und Spellen zu wahren. Haus Endt verhalfen die aktuellen Besitzer zu einem neuen Dach, das an die historischen Form angelehnt ist. Original am alten Adelssitz ist nur noch das Kellergewölbe mit seinem Brunnen. Aus Sicht des Denkmalschutzes hat es Haus Wohnung am besten getroffen. Die Steag Kraftwerks-Grundstücksgesellschaft ließ es seit seinem Erwerb 1986 vorbildlich restaurieren. Am Tag des offenen Denkmals und in vereinzelten Führungen kann die Öffentlichkeit ein Blick in das Schloss mit seiner berühmten Stuckdecke erhaschen.

Das 20. Jahrhundert brachte das Ende von Haus Ahr und Haus Mehrum. Prächtig sieht das dreiflügelige, von einem hohen schlanken Turm bekrönte Haus Mehrum auf alten Fotos aus. 1945 wurde es beim Rheinübergang der Alliierten schwer beschädigt, die Ruine 1960 abgetragen. Haus Ahr, im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts an der Stelle einer alten Wasserburg erbaut, war vor allem für die Literatur und das Theater von Bedeutung: Hier wohnten Betty Tendering und später auch Kathrin Türks. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert wurde es dem Verfall überlassen und schließlich abgerissen.

Auch der nun geplante Verkauf von Haus Götterswick kommt nicht von ungefähr: Feuchtigkeit und Schimmel haben sich ausgebreitet, das Gebäude muss von Grund auf saniert werden, um überdauern zu können. Ob private Liebhaber oder eine engagierte Bürgerstiftung, die Burg in Götterswickerhamm sucht Menschen mit Verantwortung, um einen steinernen Zeugen niederrheinischer Geschichte nicht dem Verfall preiszugeben.

 
 

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