„Same procedure“, Pont Neuf

Dinslaken..  Jedes Jahr zu Silvester fragt Butler James seine Miss Sophie: „Same procedure es last year“ und so lautet die Gegenfrage bereits am vierten Advent: „Was sonst?“ „Folk am Fierten“, nur original mit den zwei „F“, steht für die Verlässlichkeit im Spontanen, der Reproduzierbarkeit des Chaos. Kurz gesagt, für Werte, nach denen Menschen das ganze Jahr suchen, um sie sich in der Zeit, in der man sich fragt, wo wieder ein Jahr geblieben ist und was das nächste bringen mag, in Ritualen und Traditionen aufrecht zu erhalten. Man kann sagen, „Folk am Fierten“ hat eine zutiefst psychologische Bedeutung. Man kann aber auch genauso gut dagegenhalten. „Nö, es macht einfach nur Spaß.“

Und der Spaß ist es, der die Scharen jedes Jahr – „same procedure“ – am Morgen des vierten Advents zu Maaß strömen lässt, um Volker Bellingröhr, Thomas Baumann und Stefan Lücking Weihnachtslieder und weltliche Gesänge aus allen Herren Länder anstimmen und meistens noch vor der zweiten Strophe unterbrechen zu hören, weil „Folk am Fierten“ nicht nur, aber vor allem ein interaktives Happening ist. Das Publikum meckert und muht zu „Girometta della montagna“ als Zicklein und Ochsen in musikalisch-alpiner Kulisse, klatscht zu 99 Prozent an der richtigen Stelle im Irish Folk-Song über die „Belle“ von Belfast City – bei irgendeinem hapert’s immer mit dem Rhythmusgefühl –, singt sich tischweise durch das Kettenlied „Twelve Nights of Christmas“.

Und es lässt das Whiskeyglas bei Finnegan’s Wake fliegen... Von wegen: Dieses Jahr fiel Finnegan nicht von der Leiter. „Wir haben den Text verloren“, behauptet Bellingröhr, beruft sich auf eine „ältere Fassung aus dem Stadtarchiv Dinslaken“: „Karl Heinz Kowalski sein Beerdigungskaffee“. Die Ruhrpott-Version des irischen Songs könnte ein neuer Klassiker werden. Die Damen bei Maaß rufen ein zuckersüßes „Streuselkuchen“, die Männer antworten mit dem Ruf nach „Doppelkorn!“. Derweil laufen sich die Heiligen Drei Könige auf dem Weg nach Köln die Füße wund.

Besinnliche Momente sind Pont Neuf angenehm suspekt. Jedoch wird alljährlich der „Tote des Jahres“ geehrt. In diesem Jahr sind es gleich zwei: John Renbourn von Pentangle und Simon Cowe von Lindisfarne. Deren „Fog on the Tyne“ wird nicht nur für das befreundete Shanty-Trio aus dem am besagten Fluss gelegenen Hartlepool aufgezeichnet, sondern auch für die hiesige Region bearbeitet: „Der Nebel vom Rhein, der muss sein, der Nebel am Niederrhein.“ Das Publikum bei Maaß geht begeistert mit. Wer braucht da noch weiße Weihnachten.

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