Notgemeinschaft vor dem Aus

Seit 1935 hilft die Holthausener Vereinigung Familien im Trauerfall mit einem Sterbegeld. Heute entscheidet sich, ob diese alte Tradition fortgeführt wird

Voerde..  Seit 80 Jahren ist es in Holthausen ununterbrochen gute alte Tradition, dass die Nachbarschaft im Trauerfall betroffenen Familien ein Sterbegeld auszahlt. Eine Niederschrift aus dem Jahr 1935 zeugt von der Neugründung der Notgemeinschaft am Grabe in jenem Jahr – aus der Taufe gehoben wurde die Vereinigung bereits sechs Jahre früher. Warum die Aktivitäten der Vereinigung zwischenzeitlich eingeschlafen waren, könne er nicht sagen, berichtet Vorsitzender Wolfgang Krieg. Nun, 80 Jahre nach jener Neugründung, droht der Notgemeinschaft am Grabe das Aus: Wolfgang Krieg, seit zwölf Jahren an deren Spitze, und Klaus Feldkamp, seit 15 Jahren Hauptkassierer, ziehen sich endgültig von ihren Posten zurück. Sollten sich heute Abend während der außerordentlichen Hauptversammlung für sie keine Nachfolger finden, „kann alternativ nur noch die Auflösung“ der Notgemeinschaft beschlossen werden, heißt es in der Einladung für die Mitglieder.

Mehrfach hatten Krieg und Feldkamp in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass sie sich zurückziehen wollen. Ihre Mahnungen und Appelle jedoch blieben ohne Wirkung. Jetzt machen der 69-jährige Vorsitzende und der 76-jährige Hauptkassierer ernst. Beide wollen nicht mehr mit sich feilschen lassen, wie Wolfgang Krieg betont.

Mehr als 160 Haushalte sind zurzeit Mitglied in der Holthausener Notgemeinschaft am Grabe. 480 Euro zahlte sie zuletzt im Sterbefall aus. Die Vereinigung verfügt über acht bis neun Kassierer, die von Tür zu Tür gehen, um Geld zu sammeln – aktuell sind es 2,50 Euro pro Haushalt. Das Finanzielle ist nur die eine Seite, die andere ist der Nachbarschaftsgedanke, der mit den Aktivitäten der Notgemeinschaft seit dieser langen Zeit praktiziert wird. Dass möglicherweise heute ein Schlussstrich darunter gezogen wird, und das „ohne Not“, wie Wolfgang Krieg betont, stimmt diesen traurig. Der Vorsitzende mag nicht richtig glauben, „dass bei 160 Familien keiner bereit ist“, einen der beiden Posten zu übernehmen. Als er vor knapp 30 Jahren von Duisburg-Duissern nach Voerde zog, erlebte er sofort den Nachbarschaftsgedanken, der in seinem vorherigen Wohnort so gar nicht praktiziert wurde. „Das war sehr unpersönlich“, erinnert sich Wolfgang Krieg. In Voerde war das ganz anders. Da wurde Wolfgang Krieg nicht lange nach dem Umzug kurzerhand angesprochen, der Notgemeinschaft am Grabe beizutreten. Zunächst war er einfaches Mitglied, wenig später hatte er einige Jahre das Amt des Kassenprüfers inne, vor zwölf Jahren dann übernahm er dort den Vorsitz. Heute könne man für Traditionen nicht mehr in dem Maße begeistern, sagt Wolfgang Krieg. Für ihn ist es eine Erklärung, warum es so schwierig ist, die Posten neu zu besetzen. In Zeiten der Anonymisierung aber sei es wichtig, eine auf den Nachbarschaftsgedanken bauende Tradition zu pflegen. Der 69-Jährige stellt zwar ein Bedauern über ein mögliches Aus der Notgemeinschaft fest, dies aber koppele sich nicht daran, dass Leute am Ende ihrer beruflichen Laufbahn ein solches Amt übernehmen.

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Die Mitglieder der Notgemeinschaft am Grabe Holthausen sind für heute zu einer außerordentlichen Hauptversammlung in das Vereinsheim Heidelust des BSV „Einigkeit“ Holthausen, Bruckhausener Weg, eingeladen. Die Sitzung, in der über die Zukunft entschieden wird, beginnt um 19 Uhr.

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