Mit Gesang und Parodien in das Reich des Vergessens

Dinslaken..  Von der Bühne im Dachstudio erklingt die markante Stimme von Inge Meysel. „Seit 70 oder 80 Jahren komme ich nach Dinslaken“, sagt nicht die 2004 verstorbene Volksschauspielerin, sondern Kabarettistin Nessie Tausendschön, die Inge Meysel perfekt nachahmt. Dann heißt sie, begleitet von Gitarrist William Mackenzie, ihr Publikum mit einem Lied willkommen in der wunderbaren Welt der Amnesie. Beim Thema „Vergessen“ kann, kurz nach dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, das Thema Holocaust nicht fehlen. Nessie Tausendschön serviert hier die „deutsche Deklination des Verbs vergessen“, wie sie es nennt: „Wir vergessen, wir vergaßen, wir haben vergast.“ Schwere Kost fürs Publikum direkt zum Einstieg. „Spätestens bei der Zugabe wird es nett“, verspricht die Kabarettistin.

Dann beginnt sie, über die unterschiedlichen Arten des Vergessens nachzusinnen. Geschieht es absichtlich oder gegen den eigenen Willen? Befördert die Informationsflut das Verdrängen von Fakten aus dem Gedächtnis? „Die Medien halten eine riesige Amnesiemaschine in Gang“, meint Nessie Tausendschön. Und von der profitieren vor allem Politiker. „Was meinen Sie, warum Gerhard Schröder damals den Osten geflutet hat?“, fragt die Kabarettistin ihre Zuschauer. Die müssen dann auch einen kleinen, gut gespielten Wutausbruch über sich ergehen lassen. „Das Kabarettpublikum wird immer älter“, klagt Nessie Tausendschön auf der Bühne. „Sehen Sie sich doch mal um!“

Zwischendurch beweist die Kabarettistin immer ihre Wandelbarkeit. Zum einen stimmlich: Beim Lied „Ich sing wie Max Raabe“ parodiert sie nicht nur perfekt den Gesangsstil des Musikers, sondern ahmt auch noch Lena Meyer-Landrut, Nina Hagen und Nena nach. Um direkt danach eine Talkshow zu inszenieren, bei der sich die drei Sängerinnen zu politischen Themen äußern sollen. Auch die Stimme von Angela Merkel kommt Nessie Tausendschön spielend einfach über die Lippen. Im Kleid mit Blumenmuster und mit dickem Akzent sprechend, überzeugt die Kabarettistin auch als Ludmilla aus Kasachstan. Die rät erstmal Ursula von der Leyen vom Lifting ab: „Das verkniffene um den Mund bekommst Du nicht weg – das ist wie der Betonsarkophag um Tschernobyl!“

Am Ende gibt es dann, wie Nessie Tausendschön es versprochen hat, versöhnliche Töne zu hören. Hier stellt die Kabarettistin noch einmal ihr Gesangstalent unter Beweis. Jazzige Töne, begleitet von William Mackenzies Gitarrenklängen – dazu humorvolle Texte. Applaus.

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