Miraloo und die Turbo-Schweizer im Ledigenheim

Foto: Heiko Kempken/WAZ FotoPool
Was mit viel Stimme und etwas Technik möglich ist, zeigten Andreas Schaerer mit Lucas Niggli und Samirah Al-Amrie im „Jazz in Dinslaken“-Doppelkonzert.

Dinslaken..  Es ist paradox: Laute formen sich zu Worten, aber Worte können nicht annähernd beschreiben, welche Laute die menschliche Stimme hervorbringen kann. Man muss hören, wie ein Vokalartist vom Schlage eines Andreas Schaerer akustische Wellen tanzen lässt. Wie er schnalzende, trommelnde, knarzende, schlagende Laute mit der Kraft eines dröhnenden Lamborghinis beschleunigt, rhythmisiert und gleichzeitig dazu in den Zungen aller Herren Länder singt. Dabei ist der Schweizer eine Naturgewalt, musikalisch bis ins letzte Neuron, er spielt nicht mit den Möglichkeiten seiner Stimme, er lebt die Rhythmen, die oszillierenden Töne, er performed sie. Wenn Musik nichts anderes ist als die Addition von Schallwellen innerhalb messbarer Zeitspannen und es laut Quantenphysik etwas gibt, das sowohl Welle als auch Materie sein kann, dann ist Andreas Schaerer auf der Bühne dafür der lebende Beweis. Davon konnten sich am Freitag die Besucher der „Jazz in Dinslaken“-Reihe im Ledigenheim in einem begeisternden Doppelkonzert überzeugen.

Andreas Schaerer mag zwar Sänger, Percussionset, Tonstudio, Dampfmaschine, Turbogenerator und Sampler der Stimmen dieser Welt sein, aber er steht nicht allein auf der Bühne. Mit ihm zusammen agiert Lucas Niggli. Ein Schlagzeuger, der mit bloßen Händen über seine Trommeln krabbelt, die Toms mit den Besen kitzelt, bis sie kichern, die Becken mit dem Cellobogen zum Singen bringt und auch mal mit der Kette auf die nur mit einem Fensterleder geschützte Snare schlägt. Schaerer und Niggli krachen akustisch aufeinander, es tobt, es donnert, die Motoren laufen heiß, das Publikum erlebt Dopplereffekte. Dann wieder glaubt man, im afrikanischen Busch zu stehen. Man hört Tiere, Trommeln. Der Gesang wird schamanisch. Indisch oder indianisch? Eine Posaune spielt Jazz und Beats dröhnen wie aus einer Kellerdisko auf die nächtliche Großstadtstraße. All dies in Fetzen, nur angerissen. Schaerer, dieser Turboschweizer, jagt durch sein unerschöpfliches Repertoire und manchmal klingt er tatsächlich so, als höre man eine DVD im Schnelldurchlauf.

Irgendwo im Publikum klirrt ein Glas. Niggli, der gerade ein Büschel Stroh rascheln lässt, würde gerne mit dem Gast improvisieren. Der geht leider nicht auf das Angebot ein. Aber Schaerer hat die Idee im erst dritten Konzert dieser ersten Tour des Duos aufgegriffen. Wenn die beiden Musiker die Bühne verlassen, hallt der Saal vom Klingen der Weingläser des Publikums wieder.

Schaerer griff auch zu Technik. Manchmal vervielfachte er per Loopmaschine seine Stimme und wiederholte sie in Endlosschleifen, um neue Gesangsspuren zu addieren. Samirah Al-Amrie beherrscht diesen digitalen Kunstgriff ebenso. „Miraloo“ nennt sie ihren Stil, ihrer Stimme gehörte der erste Teil des Abends. Erst das Schöne, dann das Schräge, erst die Harmonie und die verträumte Leichtigkeit moderner Beats, Lounge und Vokaljazz, dann die irre Performance.

Ganz allein steht Samirah Al-Amrie, die es der Liebe wegen von Berlin nach Dinslaken und ins eigene Studio im Kreativ.Quartier.Lohberg verschlug, am Bühnenrand. Wirklich allein? Rolf Arno Specht hat zu jedem ihrer Lieder kleine Filme gedreht, die über die die ganze Bühne einnehmende Leinwand flimmern. Kopfkino für alle mit Bildern vom Meer und dem Lohberger Zechenturm. Dazu vervielfacht sich Samirah Al-Amrie. Ihre Stimme ist Bass, Schlagzeug, Flächensound und pulsierende Begleitung. Ihre Lieder singt sie in deutsch und englisch, die stärksten Momente erreicht sie, wenn sie ihre Stimme einfach fließen lässt. Vokalisch improvisiert, die Musik der Welt zu ihrer eigenen macht. „Am liebsten sitze ich am Klavier und singe dazu“, verrät sie, im Konzert mischt sie auch Melodica, Sansula und Synthesizer zu ihrer Stimme.

Samirah Al-Amrie, Andreas Schaerer. Zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch zwei Stimmen, die viel gemeinsam haben: in ihnen steckt alles, was Musik ist: Klang, Rhythmus, Expressivität und Emotionen.

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