Lieferte Dinslakener Firma für Irans Atom-Programm?

Jan Jessen und Miguel Sanches
2002 die Insolvenz bei der MCS International Röhrenproduktion in Dinslaken, 2003 kamen dann die Iraner.
2002 die Insolvenz bei der MCS International Röhrenproduktion in Dinslaken, 2003 kamen dann die Iraner.
Foto: Eduard Behrendt
Was hat das iranische Atomprogramm mit dem Niederrhein zu tun? Womöglich mehr, als man meinen könnte. Im Fokus steht ein Dinslakener Unternehmen, das im Besitz von Investoren aus dem Iran ist. Im April wurde der Betrieb geschlossen, die 110 Mitarbeiter entlassen.

Dinslaken. Am 1. April war Schluss bei MCS. Nach weit über 100 Jahren endete in Dinslaken die Produktion in einem Unternehmen, das ein wichtiger Arbeitgeber in der beschaulichen Stadt am Niederrhein war. Über Jahrzehnte haben sie hier nahtlose Stahlflaschen hergestellt, ein ziemlich unspektakuläres Produkt, eigentlich. Trotzdem berichtete die renommierte US-Zeitung „Washington Post“ großflächig über die Firma, nannte sie „mysteriös“. Dass die Amerikaner sich so brennend für ein kleines mittelständisches Unternehmen in der westdeutschen Provinz interessieren, liegt an der großen Weltpolitik – MCS ist seit Jahren im Besitz von Iranern.

Seit den 1990er Jahren betreibt der Iran ein Atomprogramm. Das steht außer Frage. Umstritten sind die Motive. Ist es ein rein ziviles Programm, wie das Regime in Teheran behauptet? Oder strebt man (auch) Atomwaffen an? Die Staatengemeinschaft hat eine Vielzahl von Embargos verhängt. Tausende von Gütern stehen auf der Verbotsliste. Das Kontrollnetz ist so engmaschig, dass die Iraner – anders als in den 1990er Jahren – kaum noch versuchen, direkt fertige Technologien für ihr militärisches Nuklearprogramm zu erwerben. Der Iran verlegte sich vielmehr darauf, noch fehlende Komponente selber herzustellen, etwa für den Bau von Zentrifugen zur Uran-Anreicherung. Dazu braucht man Materialien, Spezialmaschinen.

2002 meldete das Unternehmen erstmals Insolvenz an, damals firmierte es unter „mcs cylinder systems Gmbh“. Als Retter in der Not traten 2003 iranische Investoren auf. Als „MCS international“ wurde weiter produziert. Unter einem iranischen Geschäftsführer, der laut exiliranischen Oppositionellen einen engen geschäftlichen Draht zum ehemaligen Geheimdienstminister Mullah Mohammadi Reyshahri hat.

Nahezu zeitgleich mit dem Ankauf des deutschen Unternehmens begannen die neuen Eigentümer mit dem Aufbau einer Firma im iranischen Esfahan, die heute als Pars MCS nach eigenen Angaben Behälter für erdgasbetriebene Fahrzeuge herstellt – mit Hilfe des Know-Hows aus Deutschland. Die Gasdruck-Flaschen, die in Dinslaken hergestellt wurden, waren aufgrund einer speziellen Kohlefaser-Ummantelung besonders leicht und druckfest.

Eine Maschine, die auch für den Raketenbau nützlich sein kann

Allerdings werden auch für die Urananreicherung Zentrifugen gebraucht, die besonders druckfest sind. Kanada mutmaßte 2010, Pars MCS liefere dem iranischen Atomprogramm zu.

In Dinslaken lief die Produktion derweil weiter. Ehemalige Mitarbeiter berichten aber, dass die neuen Inhaber kein besonderes Interesse an der geschäftlichen Entwicklung des Unternehmens gezeigt hätten. Umso mehr habe man sich gewundert, als 2004 plötzlich eine sogenannte Fließdrückmaschine im Wert von 1,5 Millionen Euro in der Werkhalle stand, die für die Produktpalette nicht gebraucht wurde.

Im Februar 2005 beantragten die iranischen Eigentümer von „MCS international“ beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, kurz BAFA, eine Exportgenehmigung für diese Maschine – Empfängerin sollte die Pars MCS in Esfaran sein; die Maschine werde dort für die Herstellung von Erdgas-Zylindern benötigt. Das BAFA erteilte dem Antrag eine Absage – und änderte seine Meinung auch trotz hartnäckiger Widersprüche nicht.

Mehr als 100 Mitarbeiter entlassen

Begründung: Mit der Maschine könnten auch „Antriebsteile von Mittelstrecken-Raketen mit Flüssigantrieb wie Brennkammern und Düsen gefertigt werden. (...) Daneben kann die Maschine auch für die Herstellung von Teilen für Gasultrazentrifugen genutzt werden“; eben jenen Zentrifugen also, die für die Anreicherung von Iran benötigt werden. Die Maschine wurde also als klassisches „Dual-Use-Produkt“ eingestuft; eines, das sowohl für zivile wie für militärische Zwecke genutzt werden kann. „2005 hat das Zollkriminalamt unseren Laden auf den Kopf gestellt“, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter.

Im Februar 2007 sagte das BAFA den Deal endgültig ab. Seitdem steht die Maschine ungenutzt in der Dinslakener Produktionshalle. Wirtschaftlich ging es in Dinslaken danach langsam bergab. 2011 meldete MCS international Insolvenz an, wurde erneut von iranisch-kanadischen Geschäftsleuten aufkauft, um als „MCS technologies“ noch knapp zwei Jahre am Markt zu sein; bis das Unternehmen schließlich am 1. April dicht machte und die 110 verbliebenen Mitarbeiter entlassen wurden.